DIN Verbraucherrat

2011-10-17

Veröffentlichung der ANEC-Studie

zu Umwelt- und gesundheitsbezogenen Kriterien für Gebäude

Eigenheim nach umweltbewussten Kriterien gebaut
© Marina Lohrbach / Fotolia.com

Vor dem Hintergrund der für Verbraucher vollkommen unzureichenden Ergebnisse der Normungsaktivitäten zur Nachhaltigkeit von Bauwerken im gleichnamigen CEN/TC 350 hatte ANEC1) eine Studie2) in Auftrag gegeben, die vom IBO Österreichisches Institut für Baubiologie und –ökologie GmbH durchgeführt wurde. Der Abschlussbericht liegt englischer Sprache vor und kann bei Interesse von der Geschäftstelle unter Guido.hoff@din.de bezogen werden.

Zur Zeit existieren zahlreiche Europäische Initiativen zur Beurteilung der Umweltleistung von Gebäuden, wie das Europäische Umweltzeichen für Gebäude, die Kriterien zur umweltfreundlichen öffentlichen Auftragsvergabe (im Bauwesen) etc. Der Energiebedarf (im wesentlichen Heizenergiebedarf) und die CO2-Emissionen sind wesentlicher Bestandteil jeder dieser Initiativen. Infolgedessen war ein Hauptaspekt der Studie zu einer harmonisierten Berechnungsmethode zum Energiebedarf zu gelangen.

Zusammen mit den Auftragnehmern wurden Prozessindikatoren ausgewählt, die eingehender untersucht wurden. Daraus abgeleitet wurden die folgenden wesentlichen Erkenntnisse:

CO2 Emissions und Energie mit Focus auf die Nutzungsphase

In hohem Maße über den gesamten Lebenszyklus aggregierte Werte, wie die CO2 Emissionen oder der Primärenergiebedarf könnten zum Verlust wertvoller Zwischenergebnisse führen, die für die verschiedenen am Bauprozess beteiligten Akteure relevant sind. Deshalb wird empfohlen, die nachfolgende Aspekte zu berücksichtigen:

 

a) Energiebedarf für Heizen oder - für südliche Breitengrade – Kühlen und Heizen

Aufgrund der Varianten der Berechnungsmethoden innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten und der unterschiedlichen Indikatoren, die im Energiepass für Gebäude ausgewiesen werden, ist eine stringente Methode zur einheitlichen Bestimmung des Energiebedarfs notwendig. Dafür kann entweder auf DIN EN ISO 137903) verwiesen werden (in diesem Fall müssten an den Stellen, an denen nationale Abweichungen erlaubt sind, standardisierte Parameter verwendet werden) oder das Planungspaket (PHPP) des Darmstädter Passivhausinstituts wird als Berechnungsmethode herangezogen.

Dabei wird eine Differenzierung Europas in mindestens drei Klimazonen (Kalt, gemäßigt, warm) empfohlen.


b) Bezogene Energie

Die bezogene Energie (definiert als der Endenergieverbrauch abzüglich Gewinne aus am Bau installierten Energieerzeugern, z. B. Photovoltaikanlagen, Solarthermie) ist von besonderer Bedeutung für potentielle Käufer oder Mieter und kann auch für die Effizienz hauseigener Energieerzeugersysteme herangezogen werden.

 

c) Primärenergiebedarf

Der Primärenergiebedarf ist ein geeigneter Parameter zur Information für den Verbraucher, aber nicht ausreichend als Schlüsselindikator des Energieverbrauchs für den gesamten Bausektor, wie weitgehend propagiert wird. Energieknappheit und vorgelagerte Energieerzeugungsprozesse müssen in einem umfassenden Beurteilungssystem berücksichtigt werden. Zudem sollte zwischen erneuerbaren und nicht-erneuerbaren Energiebedarf unterschieden werden, weil die Verfügbarkeit der Ressourcen einen nicht unerheblichen ökologischen Aspekt darstellt.

 

d) CO2-Emissions und Energie mit Focus auf der Nutzungsphase

Die Erzeugung von Energie verursacht nicht nur Emissionen wie Schwefeldioxid, Stickoxid und Feinstaub, sondern ist eine der Hauptquelle von CO2-Emissionen und trägt damit in nicht unerheblichem Maße zum Treibhaus-Effekt bei. Neben industriellen Produktionsprozessen und dem Verkehr wird die meiste Energie für Gebäude benötigt, zu mehr als zwei Dritteln zum Heizen4). Daher werden CO2 Beurteilungen (Carbon footprints) angesichts der Europäischen Umweltpolitik in Zukunft unvermeidbar sein für den Verbraucher.

 

e) Stickoxide und Feinstaub (während der Nutzungsphase)

Minimale Anforderungen an die Begrenzung der Emission von Stickoxiden und Feinstaub der Heizanlagen von Gebäuden sind im Rahmen des Europäischen Umweltzeichens für Gebäude erforderlich.

Graue Energie (kumulierter Energieaufwand)

Als graue Energie wird die Energie bezeichnet, die ein Baumaterial über den gesamten Lebenszyklus ( Herstellung, Transport, Entsorgung) benötigt. Sie kann als grobe Abschätzung des Umweltverhaltens von Materialien dienen.

Energieverbrauch durch Verkehr und Transport

Der Transport von Materialien zur Baustelle und Abtransport von z. B. Bodenaushub müssen in einer umfassenden Ökobilanz berücksichtigt werden. Er trägt zu lediglich 4% der grauen nicht-erneuerbaren Primärenergie bei. Eine Gesamtbetrachtung der Primärenergie lässt eine diesbezügliche Differenzierung jedoch nicht zu. Deshalb ist es sinnvoller, die transportbezogenen Emissionen gezielt durch das Vorschreiben verbrauchsarmer Fahrzeuge zu reduzieren. Gleichzeitig könnten damit auch andere Faktoren, wie Lärmemissionen und Feinstaubemissionen berücksichtig werden.

Empfehlungen für den Gebrauch von Ökobilanzen in gebäudebezogenen Beurteilungssystemen

Die Ergebnisse vorangegangener Studien lassen den Schluss zu, dass zwar der Primärenergiebedarf und die Emission von Treibhausgasen gute Anhaltspunkte für das Umweltleistungsverhalten von Gebäuden liefern, weitere Indikatoren aber keinen wesentlichen Informationsgewinn liefern. Deshalb wird die Berücksichtigung anderer, nicht in der Ökobilanz enthaltener Indikatoren empfohlen, wie die Kompaktheit eines Gebäudes.


Belichtung mit Tageslicht

Dieser Indikator wird als relevant für Gesundheit und Komfort der Gebäudenutzer gesehen, es werden detaillierte Ermittlungs- und Berechnungsmethoden vorgeschlagen.

Baustellenmanagement

Die Arbeiten auf der Baustelle wurden als Quelle lokaler Emissionen, wie Lärm, Staub und Bodenverunreinigungen identifiziert und Problemlösungen vorgestellt.


Chemikalien in Baustoffen und Innenraumluftqualität

Weder REACh5) noch die Bauproduktenverordnung sind ausreichende Instrumente, die Vermeidung gefährlicher Substanzen in den Baustoffen oder Emissionen aus diesen in die Innenraumluft sicherstellen. Zur Beurteilung von Chemikalien in Bausstoffen unterschieden die Autoren der Studie zwischen einem Mindestniveau und eine hervorragende Leistungsklasse, von denen abhängig bestimmte Substanzen vermieden oder gar verboten werden.

ANEC nimmt diese Studie zum Anlass im Rahmen des Europäischen Umweltzeichens für Gebäude ein System sinnvoller Indikatoren zu etablieren. Damit könnten die verschiedenen innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten existierenden Systeme zur Beurteilung des Umweltleistungsverhalten von Gebäuden sinnvoll zusammengeführt werden und für den Verbraucher in einer verständlichen, vergleichbaren Kennzeichnung münden.

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[1] The coonsumer's voice in standardization


[2] Environmental and health related criteria for buildings


[3] Energieeffizienz von Gebäuden - Berechnung des Energiebedarfs für Heizung und Kühlung


[4] Quelle: Energieeffizienzplan 2011 der Europäischen Union


[5] Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals

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