Presse
„Drehstuhl-Fehler“ vermeiden: Warum Unternehmen beim Digitalen Produktpass nicht nur an Regulierung denken sollten
Interview mit Dr. Adrian von Mühlenen, Vorsitzender des JTC 5
Was steckt eigentlich in einem Smartphone? Welche Materialien wurden verbaut? Lässt sich der Akku austauschen oder das Gerät reparieren? Und welche Informationen braucht ein Unternehmen, das einzelne Bestandteile später wiederverwenden möchte?
Heute sind solche Produktinformationen häufig über Datenblätter, Datenbanken und unterschiedliche Systeme verteilt. Der Digitale Produktpass (DPP) soll das ändern: Relevante Produktdaten sollen strukturiert, digital und maschinenlesbar verfügbar sein – für Unternehmen, Behörden und Verbraucher*innen.
Das würde nicht nur Prozesse in Unternehmen vereinfachen, sondern auch dazu beitragen, dass sowohl Unternehmen als auch Verbraucher*innen bessere Kaufentscheidungen treffen können.
Damit der DPP auch über den europäischen Binnenmarkt hinaus funktioniert, haben DIN und DKE das Joint Technical Committee 5 (JTC 5) initiiert. Hier soll die internationale Normung rund um das gesamte DPP-Ökosystem koordiniert werden.
Dr. Adrian von Mühlenen ist Product Owner Digital Material and Product Passport bei BASF und Vorsitzender des JTC 5. Seine Motivation geht über rein regulatorische Fragen hinaus. Welche wirtschaftliche Transformation der DPP möglich machen kann und wie sich Kaufentscheidungen verändern – das lesen Sie im Folgenden.
Herr Dr. von Mühlenen, Sie kennen den Digitalen Produktpass sowohl aus der Unternehmenspraxis als auch aus der Normung. Was hat Sie am Anfang überzeugt, dass der DPP mehr sein kann als eine regulatorische Pflicht?
In der Unternehmenspraxis kann es schnell passieren, dass Fehler an den Stellen entstehen, an denen Informationen manuell von einem zum anderen weitergegeben werden. Ich nenne das „Drehstuhl-Fehler“.
So eine Schnittstelle entsteht beispielsweise, wenn Lieferanten uns Datenblätter mit sicherheitsrelevanten Informationen zu einem Produkt bereitstellen, wie z. B. zur sicheren Lagerung oder zum richtigen Transport.
Enthält diese Sicherheitsinformation vom Lieferanten einen Fehler und wird das bei uns anschließend nicht sauber beurteilt und eingetragen, kann das zum Problem werden – besonders, wenn etwas passiert.
Aus diesem Problem entsprang die Idee eines „sauberen“, also einheitlichen, strukturierten und digitalen Datensatzes. Legen wir dann noch den Produktlebenszyklus darüber, dann sind wir schon beim DPP.
Und genau das war meine Motivation. Für mich ist der DPP also weit mehr als Regulierung: Er ist ein strategisches Instrument, um Produktdaten vertrauenswürdig, maschinenlesbar und über den gesamten Lebenszyklus nutzbar zu machen.
Gleichzeitig bin ich promovierter Materialwissenschaftler. Mich hat es immer interessiert, mir zu überlegen: Welche Materialien und Rohstoffe sind in welcher Menge im Umlauf? Der DPP kann das sichtbar machen – vereinfacht gesagt, wie eine Strichliste. Wenn wir wissen, wie viel von welchen Materialien vorhanden und wo es verfügbar ist, hilft uns das einerseits, zu messen, was und wie viel wir konsumieren – und auf der anderen Seite macht es uns unabhängiger von den Rohstoffen anderer Länder, wenn wir die vorhandenen Rohstoffe wiederverwenden. Hier kann der DPP helfen, Transformation zu ermöglichen.
Viele Unternehmen wissen, dass der DPP kommt, stehen bei der Umsetzung aber noch am Anfang. Wo erleben Sie in der Praxis derzeit die größten Unsicherheiten und Missverständnisse?
38 % der Unternehmen wissen gar nicht, dass ihre Produktgruppen vom DPP betroffen sein werden. Besonders gilt das für die Unternehmen, die das nur indirekt betrifft – zum Beispiel, weil sie für einen Kunden aus einer nachgelagerten Produktgruppe bestimmte Daten bereitstellen müssen. Nur 4 % der Unternehmen tun bisher aktiv etwas.
Das liegt auch daran, dass der DPP im Moment noch mit Unsicherheiten verbunden ist, was die Zukunft angeht.
Ein Beispiel ist die Ökodesignverordnung. Sie legt fest, inwiefern Produkte nachhaltiger werden müssen. Der DPP ist ein Instrument, um genau diese rechtlich geforderten Daten sichtbar zu machen – zum Beispiel den CO₂-Fußabdruck oder Daten zur Reparierbarkeit.
Allerdings wird erst nach und nach festgelegt, wann ein Unternehmen was genau für bestimmte Produktgruppen berichten muss.
Wer heute in der Praxis vielleicht mit Zöllen, arbeitsrechtlichen Fragen oder Kostendruck beschäftigt ist, denkt noch nicht daran, ob in 2030 Informationen für einen DPP bereitgestellt werden müssen.
Können Sie an einem konkreten Material oder Produkt beschreiben, wie Produktinformationen heute durch eine internationale Lieferkette laufen – und an welchen Stellen unnötige Aufwände oder Brüche entstehen?
Die klassische Lieferkettenkommunikation, wie Rechnungen oder Frachtbriefe, läuft heute schon über elektronische Standards, dem sogenannten EDI (Electronic Data Interchange). Währenddessen fehlt auf Produktebene bislang ein global einheitlicher, maschinenlesbarer Kommunikationsstandard.
Wenn ich also wissen möchte, was wirklich in einem Frachtcontainer steckt, dann ist das noch sehr dokumentengetrieben.
Nehmen wir an, im Container wären Smartphones. Damit der Zoll oder die Marktüberwachung bewerten können, ob diese Geräte in Europa verkauft werden dürfen, brauchen sie Informationen in Bezug auf die Produkteigenschaften oder die Materialqualität.
Heute hieße das, diese Informationen würden zum Beispiel in Excel oder Word bereitgestellt. Diese Dokumente können aber maschinell nicht gelesen werden, ohne dass ein Mensch unterstützt. Und an der Stelle sind wir wieder bei der Gefahr, dass „Drehstuhl-Fehler“ passieren.
Deshalb fordert DIN, dass der DPP ein Informations-Hub sowohl für die Lieferkette als auch für die Wertschöpfungskette wird und die beiden zukünftig verbindet.
Wie würde ein standardisierter Digitaler Produktpass diese Abläufe konkret verändern?
Das würde sich auf verschiedenste Ebenen auswirken. Der größte Nutzen liegt in Effizienz und Compliance: Standardisierte DPPs könnten regulatorische Nachweise beschleunigen und die Anzahl an Schnittstellen reduzieren, an denen ein Risiko für manuelle Fehler besteht.
Um nachzuweisen, dass das Produkt entsprechend den Anforderungen und Auflagen des europäischen oder internationalen Gesetzgebers entspricht, müssen Unternehmen technische Daten bereitstellen. Das braucht im Moment noch viel Zeit und ist sehr fehleranfällig, weil es viele der genannten Drehstuhlfehler-Schnittstellen gibt.
Mit dem DPP wird dieser Prozess verschlankt und vereinfacht, denn dadurch steht Unternehmen ein strukturierter, digitaler Datensatz mit allen nötigen Informationen zum Produkt zur Verfügung. Aus diesem kann das Unternehmen per Knopfdruck alle relevanten Infos für den Markt bereitstellen, in den es verkaufen möchte – weltweit.
Das Gleiche gilt für die Informationsbeschaffung. Benötigt ein Unternehmen bestimmte Produktinformationen von seinem Lieferanten, bietet der DPP eine Vorlage dafür, in welcher Form und Struktur die Daten verfügbar gemacht werden sollten. Der Lieferant stellt die Infos entsprechend bereit, und durch die passende Struktur können die Systeme des Unternehmens sie direkt verarbeiten.
Das würde zu einer deutlichen Effizienzsteigerung führen und nicht nur die Digitalisierung der Industrie, sondern auch der Behörden voranbringen.
Ein weiterer wichtiger Vorteil des DPP ist, dass auch Verbraucher*innen bessere Entscheidungen treffen könnten.
Denn mit dem DPP stehen ihnen mehr Informationen digital und transparent zur Verfügung, etwa zur Beschaffenheit oder den Bestandteilen eines Produktes. So würde für Kund*innen beispielsweise direkt sichtbar, wie nachhaltig ein Produkt ist: Ob und wie einfach es repariert werden kann, oder wie groß sein CO₂-Fußabdruck ist.
Regulierung definiert, welche Informationen bereitgestellt werden sollen. Was entscheidet ihrer Meinung nach darüber, ob daraus in der Praxis ein funktionierendes System wird?
Wichtig ist, dass wir schlank und inklusiv starten. Das bedeutet, globale Standards dürfen bestimmte Teile der Welt nicht durch zu hohe Daten- oder Prüfanforderungen vom Markt ausschließen.
Denn nicht allen Regionen stehen genügend Prüfinstitute mit bestimmten Mess- und Verfahrenstechniken zur Verfügung. Das heißt, für diese Unternehmen ist es um einiges schwieriger und teurer, die Erfüllung von Anforderungen nachzuweisen und die dafür nötigen Informationen bereitzustellen. Damit schneiden wir sie vom zukünftigen Markt ab.
Standardisierung heißt: Alle mitzunehmen, alle anzuhören und auch allen den Zugang zu gewähren.
Mit dem ISO/IEC/JTC 5 beschäftigt sich nun erstmals ein internationales Gremium mit dem DPP. Was würde passieren, wenn verschiedene Regionen der Welt beim DPP unterschiedliche Standards entwickeln würden?
Das ist ganz einfach: Dann würde es sehr unübersichtlich. Unterschiedliche regionale DPP-Standards würden Marktprotektionismus und neue Handelsbarrieren erzeugen.
Werden die technischen Anforderungen an Produkteigenschaften so gesetzt, dass ein Unternehmen diese nicht erreichen kann, dann kommt dieses Unternehmen nicht in den Markt.
Würde jede große Marktmacht ihre eigenen DPPs definieren und so aufsetzen, dass sie ihre Märkte beschützen, dann würden die globalen Lieferketten gestört. Das hieße, wir könnten handeln, aber die Freihandelsidee wäre beschädigt.
Und deshalb ist die globale Harmonisierung von Standards auch so entscheidend.
Zum Schluss ein Rat von Ihnen: Wie können sich Unternehmen bereits heute auf den DPP vorbereiten?
Unternehmen sollten sich frühzeitig damit beschäftigen, wie ihre Produktdaten heute erfasst, strukturiert und mit Lieferanten ausgetauscht werden. Denn beim DPP geht es nicht nur um IT, sondern auch um Prozesse, Verantwortlichkeiten und Zusammenarbeit entlang der Lieferkette.
Gleichzeitig verändert sich die Art, wie Produkte gesucht, bewertet und eingekauft werden. KI-Agenten werden künftig eine größere Rolle bei der Entscheidung darüber spielen, was eingekauft wird. Damit solche Systeme Produkte zuverlässig einordnen und finden können, benötigen sie strukturierte und semantisch eindeutig beschriebene Informationen. Genau hier gewinnen standardisierte Produktdaten zusätzlich an Bedeutung.
Für Unternehmen heißt das: Wer heute dafür sorgt, dass Produktinformationen einheitlich, maschinenlesbar und verlässlich verfügbar sind, schafft nicht nur eine Grundlage für den DPP, sondern auch für zunehmend digitalisierte Beschaffungs- und Geschäftsprozesse.
Und das ist der Grund, warum wir jetzt ein Joint Technical Committee für den DPP gegründet haben.