Presse

2026-04-08

„Der DPP selbst ist Infrastruktur für Innovation und Effizienz – keine zusätzliche Berichtspflicht.“

Interview mit Johannes Benjamin Helfritz, Leiter der Stabstelle Digitale Ökosysteme bei DIN

Porträt von Benjamin Helfritz
© Eva Häberle

Heute müssen Unternehmen ihre Produktdaten mit viel Aufwand mehrfach aufbereiten und in unterschiedlicher Art und Weise liefern – je nach Markt, Sprache und Adressat. Der Digitale Produktpass (DPP) soll das ändern. Johannes Benjamin Helfritz, Leiter der Stabstelle Digitale Ökosysteme bei DIN, hat die deutsche Initiative zur Gründung des ISO/IEC JTC 5 gesteuert – dem internationalen Gremium, das die globalen Spielregeln dafür entwickeln wird. Ein Gespräch darüber, wer die Regeln schreibt, wenn die Welt noch keine hat.

Herr Helfritz, was ist der Digitale Produktpass – in einem Satz?

Der DPP wird das weltweit einheitliche Zugangstool für digitale Produktinformationen.

Das klingt nach einer besseren Bedienungsanleitung.

Die Anleitung ist nur ein Teil des Sichtbaren. Was dahinter geschieht, ist das eigentlich Interessante. Ein System, eine Infrastruktur, die ermöglicht, dass jeder die für ihn relevanten Informationen oder Services erhält.

Das geht von Fragen wie “Was steckt eigentlich in einem Produkt, ist es regulierungskonform, wie nutzt und repariert man es?” bis hin dazu, dass über das System Kontakt zum Hersteller, Kunden oder Serviceanbieter aufgebaut werden kann. Für Unternehmen, Behörden oder Verbraucher bedeutet das: weniger Aufwand und mehr Möglichkeiten.

Weniger Aufwand – woran kann man das festmachen? 

Das Potenzial, durch die digitale Herangehensweise Dinge zu automatisieren und zu vereinfachen, ist riesig. 

Ein Beispiel: Heute pflegen Hersteller oft mehrere Versionen derselben Daten – für verschiedene Märkte, Formate und regulatorische Anforderungen. Wer fünf Märkte bedient, hat schnell zehn Aufbereitungsvarianten oder mehr. Er hat unterschiedlichste analoge und digitale Wege zu bedienen – insbesondere dann, wenn Behörden ins Spiel kommen. Das kostet Zeit, bindet Personal und ist fehleranfällig. Der DPP dreht dieses Prinzip um: einmal die Informationen standardisiert strukturieren und aufbereiten und sie werden weltweit adressatengerecht nutzbar und akzeptiert. 

Ein Hersteller kann damit nachweisen, dass sein Produkt bestimmte Anforderungen erfüllt. Eine Werkstatt sieht sofort, welche Ersatzteile passen. Händler können verlässliche Produktinformationen anzeigen, ohne sie selbst zusammensuchen zu müssen. Der Verbraucher weiß: Ob Gebrauchsanweisung oder Servicenummer – hier finde ich alles, was ich brauche, auch, wenn die Papierdokumentation schon längst verloren gegangen ist. Obwohl: Papier wird es dafür vielleicht irgendwann eh nicht mehr brauchen. Und am Ende des Lebenszyklus weiß auch der Recycler, was in einem Bauteil steckt. Im Übrigen nur, wenn er dazu berechtigt ist – auch diese Einschränkungen muss das System ermöglichen. 

Der Einstieg kostet Aufwand, keine Frage. Doch es macht einen Unterschied, ob er einmal anfällt – oder immer wieder neu. 

Welche neuen Möglichkeiten entstehen durch den Digitalen Produktpass konkret?

Ehrlich gesagt, welche Innovationen hier noch drin stecken ist kaum abzusehen. Daher haben wir auch ein komplett neues Gremium vorgeschlagen, welches die Welten von ISO und IEC verbindet. Es wird die Interaktionsmöglichkeiten der Markteilnehmer – B2B, B2C und B2Gov – grundlegend verändern – und damit auch die Wahrnehmung von Produkten. 

Was sich bereits abzeichnet: Mit dem DPP werden Produkte zum Ausgangspunkt für digitale Services. Ersatzteile können so zum Beispiel direkt angezeigt und bestellt werden, Wartungen organisiert oder zusätzliche Funktionen freigeschaltet werden. F Unternehmen wird der Einsatz und die Integration in die eigenen Systeme einfacher. Wird zum Beispiel ein Produkt im Sinne der Cybersicherheit kritisch, meldet es sich quasi selbst, dass es nicht mehr den Anforderungen entspricht. In diesem Sinne werden vollkommen neue Angebote rund um ein Produkt entstehen – über den gesamten Lebenszyklus hinweg.

Warum braucht es dafür ein internationales Gremium? Reichen EU-Gesetze nicht aus?

Gesetze sind lokal, Produkte und ihre Wertschöpfungsnetzwerke nicht.

Ein E-Bike wird in Europa entwickelt, Bauteile in Asien und Indien produziert und das Endprodukt weltweit verkauft. Wenn jedes Land eigene Systeme zur Datenlieferung definiert, entsteht für jeden Markt zusätzlicher Aufwand. Im JTC 5 schaffen wir die Grundlage dafür, dass Systeme weltweit über Sektoren- und Ländergrenzen hinweg miteinander funktionieren. Getragen wird diese Arbeit von ISO und IEC mit zusammen über 170 nationalen Normungsorganisationen als Mitgliedern. Wenn dieser Rahmen steht, entfällt ein Großteil der Mehrfachaufbereitung – nicht nur in Europa, sondern global.

Die EU fordert den Pass für Batterien ab 2027 und weitere Produkte folgen. Wenn erst jetzt ein internationales Gremium kommt, investieren Unternehmen bis dahin in Unsicherheit?

Nein, im Gegenteil – sie investieren in Anschlussfähigkeit. Und zwar in Anschlussfähigkeit der internationalen Entwicklungen an die europäische Normung. Das ist unser Ziel. 

Europa ist nämlich Vorreiter in Sachen DPP. Länder wie China, Indien oder Kanada orientieren sich bereits an uns. Im CEN CENELEC JTC 24 haben wir gerade die ersten sechs Standards für das DPP-System mit voller Zustimmung der Mitgliedsländer verabschiedet. Diese Standards setzen auf einen technologieoffenen Rahmen. So können Unternehmen und Branchen auf bestehende Systeme aufsetzen – wie etwa die Verwaltungsschale aus dem Industrie-4.0-Umfeld (DPP 4.0).

Das inklusive Vorgehen wollen wir auch international etablieren. Es geht nicht um die eine Umsetzungslösung, sondern einen Rahmen, der Interoperabilität von individuellen Lösungen erzeugt. 

Für Deutschland ist das besonders wichtig: Als Exportnation sind unsere Unternehmen eng in internationale Produktions- und Liefernetzwerke eingebunden. Im Fokus steht für uns daher, zu verhindern, dass Unternehmen mehrere Systeme schaffen oder parallel betreiben müssen. Stattdessen sollen ihre Lösungen, wenn sie dem Rahmen entsprechen, überall anschlussfähig sein. So lässt sich der Aufwand für die Bereitstellung und Nutzung von Informationen deutlich reduzieren. Wird der DPP auch von Behörden akzeptiert, wird dies weltweit zu Bürokratieentlastung führen.

DIN führt das Sekretariat des JTC 5. Was bedeutet das konkret – und was hätte es bedeutet, wenn diese Rolle woanders gelandet wäre?

Das Sekretariat übernimmt eine rein administrative Rolle. Aber: Wer sie innehat, unterstützt bei der Koordinierung der Arbeit des Gremiums, strukturiert die Prozesse und schafft die Voraussetzungen dafür, dass tragfähige Lösungen entstehen – keine europäischen, keine amerikanischen, keine chinesischen. Sondern solche, die international funktionieren und akzeptiert werden. 

Für Deutschland ist das eine besondere Rolle: Deutsche Stakeholder sind näher am Geschehen dran. Mit der Übernahme des Sekretariats geht auch das Recht einher, den Vorsitz des Gremiums vorzuschlagen. Da DIN auch das Sekretariat des europäischen Gremiums CEN-CENELEC JTC 24 zum Digitalen Produktpass führt, kann somit eine sinnstiftende Brücke zwischen der europäischen und internationalen Ebene geschaffen werden.

Für Deutschland und Europa heißt das: Wir übernehmen Verantwortung für das Entstehen einer internationalen Architektur – nicht als alleiniger Gestalter, aber vielleicht doch ein wenig als Taktgeber.

Was entscheidet darüber, ob der DPP ein Erfolg wird?

Er wird dann ein Erfolg für Innovation und Effizienz, wenn er international zum Standard wird. Und, wenn man ihn von der Diskussion um zusätzliche Berichtspflichten trennt.

Denn der Digitale Produktpass selbst ist keine zusätzliche Berichtspflicht, er ist Infrastruktur. Das Internet hat sich nicht durchgesetzt, weil ein Land es verordnet hat. Es hat funktioniert, weil man sich auf gemeinsame Protokolle geeinigt hat. Niemand sieht TCP/IP – aber ohne diese Protokolle wäre dieses Gespräch nicht möglich. DPP-Normen können so etwas ähnlichen für die Verbindung der physischen und digitalen Welt werden: unsichtbar im Betrieb, aber sofort spürbar, wenn sie fehlen.

Entdecken Sie das JTC 5 bei ISO

Ihr Kontakt

DIN e. V.
Herr
Johannes Benjamin Helfritz

Am DIN-Platz
Burggrafenstraße 6
10787 Berlin

Zum Kontaktformular  

Verwandte Themen

Wählen Sie ein Schlagwort, um mehr zum Thema zu erfahren:

Weitere Informationen

  • Digitaler Produktpass. Normen und Standards unterstützen die weitere Entwicklung des Digitalen Produktpasses und seines Ökosystems.