Organisation

Krisenmanagement – Normen und Standards unterstützen

In vielen Organisationen, Unternehmen und Behörden hat die COVID-19-Pandemie die Notwendigkeit eines effizienten Krisenmanagements verdeutlicht.

Autoren

Albrecht Broemme, Technisches Hilfswerk THW

Hans-Peter Bursig, ZVEI e. V.

Benno Fritzen, DIN/FNFW Fachbereichsleiter Sicherheit und Schutz des Gemeinwesens

Prof. Dr. Reinhard Strametz, Wiesbaden Business School Hochschule RheinMain

Prof. Dr. Johann Wilhelm Weidringer, Bundesärztekammer

Dr. Bärbel Wernicke, DIN e. V.

Abstract

Im Thinktank „Support für Ausnahmesituationen“ der DIN-Kommission Gesundheitswesen (KGw) wurde als Reaktion auf den Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 überlegt, wie die Normung zukünftig noch besser zur Bewältigung von gesundheitlichen Ausnahmesituationen beitragen kann.

Das Normenwerk stellt eine Vielzahl von Normen für Prozesse und Produkte bereit, die zur Bewältigung von gesundheitlichen Ausnahmesituationen einen Beitrag leisten können. Das Problem kann darin bestehen, dass diese Normen den handelnden Personen nicht bekannt sind und die Auswahl und Kombination relevanter Inhalte aus unterschiedlichen Normen in einer Ausnahmesituation schwierig ist. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die handelnden Personen nicht automatisch über einen fachlichen Hintergrund zum Umgang mit Gefahrensituationen verfügen müssen und die Ausnahmesituation auch inhaltlich eine unbekannte Herausforderung darstellen kann.

Die Mitglieder des Thinktanks haben Instrumente und Vorgehensweisen diskutiert, wie diese Problemsituation für handelnde Personen in einer gesundheitlichen Ausnahmesituation gelöst oder zumindest vereinfacht werden kann. Dabei ist zu berücksichtigen, dass im Vorfeld nicht bekannt ist, welcher Art eine zukünftige gesundheitliche Ausnahmesituation sein wird.

Das Ergebnis ist ein modulares Angebot für eine grundsätzliche Vorgehensweise, die mit Hinweisen auf konkrete Normen verbunden werden kann.

Wenn eine gesundheitliche Ausnahmesituation eintritt, zeigt ein Vergleich verschiedener Szenarien, dass der Umgang mit allen Situationen bestimmte grundsätzliche Handlungsfelder aufweist, die behandelt werden müssen. Diese betreffen grob gesagt das Erkennen, Bewerten und Reagieren auf die Ausnahmesituation.

In jedem dieser Bereiche gilt es standardisierte Vorgehensweisen anzuwenden oder Produkte und Lösungen einzusetzen, die standardisierte Vorgehensweisen unterstützen. Sobald diese „Aktoren“ in den jeweiligen Handlungsfeldern für die jeweilige Ausnahmesituation beschrieben sind, können für die Umsetzung geeignete Normen verwendet werden. Im ersten Schritt wurde dazu eine Normen-Matrix erarbeitet, die den Sektoren der kritischen Infrastrukturen (KRITIS) zugeordnet wurde, wie sie vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) definiert wurden.

Die KRITIS-Normen-Matrix können Sie hier herunterladen.

Auf der Suche nach „best practice“ kann DIN helfen!

Die Kommission Gesundheitswesen (KGw) innerhalb des DIN hat eine Übersicht der Normen erstellt, die für Managementaufgaben im Bereich der Gefahrenabwehr dienlich sein können. Der Fokus dieser Übersicht liegt aktuell zwar primär auf der Bekämpfung der Corona-Pandemie, allerdings werden auch weitere Bereiche der Gefahrenabwehr und Resilienz abgedeckt. Die Übersicht ordnet die als nützlich erkannten Managementnormen aus den unterschiedlichsten Bereichen bei DIN in einer Matrix den Sektoren der kritischen Infrastrukturen (KRITIS) zu, wie sie vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) definiert wurden. Aufgeführt sind nur Organisations-, Struktur- und Management-Normen, nicht jedoch Produkt-Normen (siehe Tabelle).

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie!

Auch wenn zwischenzeitlich die Maßnahmen und Strukturen der Gefahrenabwehr hinsichtlich der aktuellen COVID-19-Pandemie vielleicht als etabliert und tauglich angesehen werden können, so sollte mit Blick auf zukünftige Herausforderungen dennoch nicht auf eine Optimierung der Resilienz des eigenen Verantwortungsbereiches verzichtet werden.

Kann es „schlimmer“ kommen?

Der Bedarf und die Sinnhaftigkeit einer (selbst)kritischen Analyse verdeutlicht der nachfolgende „USE CASE“, in dem es um eine Kurzbeschreibung von drei Szenarien geht, die als Anhaltspunkte für standardisierte Überlegungen bei DIN zur Unterstützung der Gefahrenabwehrmaßnahmen dienen sollen.

Szenarien

I.

Von Nordamerika ausgehend, breitet sich weltweit eine Pflanzeninfektion pandemisch aus, die zum Ausfall der Getreideernte führt. Bei Nahrungsmitteln treten massive Engpässe auf, die mit fortschreitender Pandemie auch mit Hilfe globalen Handels nur unzureichend kompensiert werden können. Da die Forschung zur Erregeridentifikation und -bekämpfung vernachlässigt wurde, sind keine Bekämpfungsmittel verfügbar.

II.

Von Afrika ausgehend breitet sich eine von Mensch-zu-Mensch aerogen übertragbare Viruserkrankung pandemisch aus, die ähnlich tödlich wirkt wie Ebola (2014 – 2016) und sich so rasch ausbreitet wie die britische Virusmutation von Corona (2021). Es sind keine spezifischen Medikamente oder Schnelltestverfahren verfügbar. mRNA-Impfstoffe müssen erst noch angepasst, zugelassen und produziert werden. Sichere Lieferketten für alle Schritte der Produktion und der weltweiten Verteilung von Impfstoffen müssen global optimiert werden.

III.

Von Asien ausgehend breitet sich eine Form der Geflügelpest aus, die für Haus- und für Wildgeflügel hochansteckend und tödlich wirkt. Es gibt Berichte, dass diese Tierseuche auch auf den Menschen überspringt. Durch Notschlachtungen und weitreichende Exportverbote aus betroffenen Ländern wird der globale Handel massiv beeinträchtigt, es treten Nahrungsmittelengpässe auf. Spezifische Medikamente zur Behandlung oder Impfstoffe sind nicht vorhanden.

Folgende Handlungsfelder unter der Überschrift „OPTIMIERTES MANAGEMENT“ wurden identifiziert und bedürfen weiteren Überlegungen. Zur Umsetzung des Punktes 4 wurde die KRITIS-Normen-Matrix erarbeitet (siehe Übersicht).

  1. Standardisierte Sensorik
    Aufgrund der umfangreichen Erfahrungen beim Umgang mit der Corona Pandemie (2019 ff.) wird angestrebt, drohende Entwicklungen von Epidemien und Pandemien bei der Tier- und Pflanzenwelt sowie im Humanbereich laufend zu beobachten, um schnell agieren zu können. Dies setzt ein sensibles, weltweit aktives Netzwerk zur Sensorik voraus mit digitalisierter Auswertung unter Einsatz künstlicher Intelligenz. Für dieses Netzwerk müssen die Basisanforderungen an Schnittstellen systemoffen definiert sein. Normen und Standards müssen kurzfristig, auch mehrfach, angepasst werden können.
  2. Standardisierter Wissenstransfer
    Der Austausch von Informationen der Wissenschaft, der Forschung, der Politik sowie des Gefahrenabwehrmanagements muss national über alle Ebenen der Verwaltung, europäisch sowie international eineindeutig möglich sein.
  3. Standardisierte Information
    Die Information der Bevölkerung erfolgt über standardisierte Schnittstellen mit klaren, widerspruchsfreien und nachvollziehbaren Argumenten über die Medien, zunehmend über soziale Medien. Insbesondere die sozialen Medien müssen mithilfe von standardisierten Verfahren beobachtet und ausgewertet werden, um die gezielte oder sich zufällig anbahnende Verbreitung von Falschmeldungen zu erkennen und im Keim zu ersticken.
  4. Standardisiertes Management
    Maßnahmen der Gefahrenabwehr fallen zunächst in die Zuständigkeit des Staates und nach derzeitiger Rechtslage in die Verantwortung der Länder als obere Gefahrenabwehr- und Katastrophenschutzbehörden. Die Corona Pandemie offenbarte jedoch an vielen Stellen die Notwendigkeit, eines zielorientierten und stringenten Handelns auch außerhalb der etablierten (staatlichen) Strukturen oder in Ergänzung zu diesen.
    Für den Bereich des Katastrophenschutzes sind standardisierte (und bewährte) Managementvorgaben vorhanden, wenngleich diese bei der Corona Pandemie nicht umfassend und einheitlich auf die Herausforderungen der Gefahrenabwehr im Gesundheitswesen angewandt wurden. Auch viele Handlungspflichtige außerhalb der staatlichen Strukturen erkannten im Verlauf der Pandemie die Sinnhaftigkeit eines strukturierten Gefahrenabwehrmanagements in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich.
    DIN kann hier bereits aktuell eine Übersicht der national und international durch Expertengremien erarbeiteten Management-Normen anbieten, die den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik abbilden. Diese Normen können auch für Handlungspflichtige und Verantwortungsträger außerhalb der bisherigen Zielgruppen und Anwender von Normen eine Erkenntnisquelle darstellen und „best practice“ anbieten.  Siehe hierzu die Matrix in der Anlage.
  5. Standardisierte bauliche und technische Installationen
    Bauliche, technische und sonstige sichtbare Maßnahmen müssen von Teams geplant werden, die frühere Lösungen kennen und diese, den aktuellen Anforderungen gemäß umsetzen. Normen und Standards sind Voraussetzungen zum Austausch von Wissen, Fragestellungen und Antworten.

DIN arbeitet an einem Support, der Unterstützung, Sicherheit und Vertrauen bietet

Möglichkeiten der Herangehensweise und Umsetzung

  • Vorstellbar ist eine Art Meta-Norm / Normungsroadmap, um die betroffenen Bereiche und deren Vernetzung zu ermitteln und zu visualisieren. Dadurch wird eine Matrix generiert, die eindeutige Zuordnungen und nachvollziehbare Informationsbausteine für den speziellen USE CASE enthält. Ziel ist es, eine Übersicht für die Handhabung der vielfältigen und vielschichtigen Ausnahme-situationen übersichtlich und schnell auffindbar bereitzustellen.
  • Im Sinne von Smart Standards soll nicht nur an die Bereitstellung von „ganzen“ Normen gedacht werden, sondern insbesondere an die Verknüpfung zu relevanten Abschnitten innerhalb einer oder mehrerer Normen/Standards zum vorliegenden USE CASE.
  • Die Erstellung von Integrationsprofilen ist denkbar, wie und wo Normen helfen, um bestimmte Arbeitsabläufe abzubilden bzw. Handlungssicherheiten gewährleistet werden.
  • Normen zu Ausnahmesituationen sind wenig bekannt. Aus diesem Grund entstehen teilweise sehr widersprüchliche Festlegungen und erschweren die Kommunikation und abgestimmte Vorgehens-weise. Hier werden geeignete Kommunikationswege und Angebote erstellt, um die Normung bekannter zu machen und um diese in Ausnahmesituationen zum Wohle aller schnell zu nutzen.
  • Es sind Beratungswege mit zu integrieren, um situativ sowie agil die Bereitstellung und Zusammenstellung der Module für die Bedarfs-Situation zu gewährleisten und die notwendigen Beratungen zu den Normen durch Experten (DIN und Extern) zu ermöglichen.

Wer Interesse an einer Mitarbeit/Mitgestaltung im Sonderausschuss „Thinktank – Support für Ausnahmesituationen“ hat und aktiv an einer schnellen Umsetzung mitwirken möchte, kann sich gern bei der KGw-Geschäftsstelle (baerbel.wernicke@din.de) melden.