DIN Verbraucherrat

2026-01-21

Verbraucherschutz im Metaverse: Neue Studie des DIN-Verbraucherrats

Nutzende unterschätzen Risiken im virtuellen Raum 

Mutter und Kind beim Spielen mit einer VR-Brille (Metaverse)
© AdobeStock: Art Photo

Das Metaverse und virtuelle Welten gewinnen zunehmend an Bedeutung. Bisher mangelt es jedoch an Untersuchungen, die diese virtuellen Realitäten aus Sicht der Nutzer*innen und deren Schutzbedürfnissen betrachten. Der DIN-Verbraucherrat – die Verbrauchervertretung in der Normung – hat nun eine umfassende Studie zu diesem Thema veröffentlicht. Die von ConPolicy durchgeführte Untersuchung zeigt überraschende Erkenntnisse: Obwohl Nutzer*innen bereits negative Erfahrungen gemacht haben, unterschätzen sie die potentiellen Gefahren systematisch. Die Studie analysiert die rechtliche Lage und entwickelt konkrete Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und die Normung. 

Paradoxe Sorglosigkeit trotz realer Bedrohungen 

Die Studie offenbart einen bemerkenswerten Widerspruch: Die Nutzer*innen des Metaverse sind überwiegend jung, gebildet und haben eine sehr positive Einstellung – selbst wenn sie bereits Beleidigungen, Identitätsdiebstahl oder andere Übergriffe erlebt haben. Die konkreten Zahlen sind alarmierend: 44 Prozent der jugendlichen Metaverse-Nutzer*innen berichten von Hassrede oder beleidigenden Äußerungen, 19 Prozent der befragten Jugendlichen von sexueller Belästigung. Zudem zeigen zwischen 2 und 20 Prozent der Virtual-Reality-Nutzer*innen ein suchtähnliches Nutzungsverhalten, wobei über die Hälfte der Nutzer*innen mehr als zehn Stunden pro Woche in virtuellen Welten verbringt. 

Infografik: Interessante Fakten zur Metaverse-Befragung des DIN-Vebraucherrats

Datenschutz: Bewegungsdaten so individuell wie Fingerabdrücke 

Ein zentrales Problemfeld ist der Datenschutz: Virtual Reality(VR)-Technologie erfasst hochsensible biometrische Daten wie Gesichtsausdrücke, Augenbewegungen und Bewegungsmuster. Bereits die Bewegungsdaten – sogenannte Telemetriedaten – sind so individuell, dass sie eine eindeutige Identifikation ermöglichen. Die Datenschutzrichtlinien großer Plattformbetreiber umfassen teilweise ausgedruckt mehr als 100 Seiten – praktisch unlesbar für Verbraucher*innen. Michaela Hildebrandt, Projektmanagerin in der Geschäftsstelle des DIN-Verbraucherrats, erklärt: „Die Erfassung dieser intimen Daten in Kombination mit der geringen Transparenz ist besonders problematisch. Unsere Studie zeigt: Nutzer*innen sind sich oft nicht bewusst, in welchem Ausmaß diese Daten erhoben werden.“ 

Verantwortung: Nutzer*innen fordern strukturelle Lösungen 

Die Frage, wer für den Schutz im Metaverse verantwortlich sein soll, zeigt ein klares Bild: Während 24 Prozent der Nutzer*innen die Verantwortung bei sich selbst sehen und eigenständig entscheiden möchten, fordert die Mehrheit strukturelle Lösungen. Plattformbetreiber, staatliche Institutionen und die Politik sollen geeignete Schutz- und Kontrollmechanismen schaffen. Diese Erwartungshaltung spiegelt das Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und kollektivem Schutzbedürfnis wider. 

Das Anpassungs- und Durchsetzungsproblem 

Ein zentrales Ergebnis der Studie: Umfassende Rechtsvorschriften zum Verbraucherschutz existieren bereits – durch die Datenschutzgrundverordnung (DS-GVO), den europäischen Digital Services Act (DSA) oder Cyber Resilience Act (CRA) und weitere Gesetze. Das Problem liegt in der Anpassung an virtuelle Welten und der praktischen Durchsetzbarkeit. Die bestehenden Gesetze sind noch nicht hinreichend auf die spezifischen Risikolagen und komplexen Strukturen immersiver Systeme zugeschnitten und stoßen aufgrund der internationalen Herkunft der Plattformen auf erhebliche Vollzugsschwierigkeiten. 

Jetzt handeln und Gestaltungsphase nutzen 

„Das Metaverse befindet sich in der Gestaltungsphase“, betont Michaela Hildebrandt. 

„Die Diskrepanz zwischen den Risiken und dem geringen Problembewusstsein der Nutzer*innen macht deutlich: Jetzt ist der Zeitpunkt, verbraucherfreundliche Strukturen zu etablieren, bevor sich problematische Praktiken verfestigen.“ 

Die Studie gibt daher konkrete Handlungsempfehlungen auf drei Ebenen: 

1. Aufklärung und Medienkompetenz 

Nutzer*innen und Angehörige müssen befähigt werden, Risiken zu erkennen und eigenverantwortlich zu handeln. Dies umfasst Informationen zu Datenschutz, Suchtgefahren und Übergriffen sowie den Umgang mit Schutzmechanismen. 

2. Anpassung und Durchsetzung rechtlicher Vorgaben 

Bestehende rechtliche Vorgaben zu Datenschutz, Sicherheit, Transparenz und Jugendschutz müssen an die Besonderheiten virtueller Welten angepasst und technisch durchsetzbar gemacht werden. Die Studie identifiziert hier eine klare Lücke zwischen abstrakten Rechtsvorgaben und ihrer praktischen Umsetzung. 

3. Normung und Governance 

Die Studie zeigt: Verbraucherschutz lässt sich nur durch eine Kombination von unternehmenseigener Regelsetzung, Gesetzgebung sowie Normung und Standardisierung durchsetzen. Normen und Standards können abstrakte Gesetzesanforderungen in konkrete, überprüfbare Anforderungen übersetzen und einen internationalen Konsens schaffen. Zudem empfiehlt die Studie die Entwicklung von Alternativen zu trackingbasierten Geschäftsmodellen, den Aufbau öffentlicher Räume im Metaverse („Digital Commons") und die Etablierung demokratischer Entscheidungsstrukturen unter Beteiligung der Zivilgesellschaft. 

Auf internationaler Ebene beschäftigt sich bereits das ISO-Gremium ISO/IEC JTC 1/SC 24 „Computer graphics, image processing and environmental data representation“ mit der Standardisierung in diesem Bereich. In Deutschland gibt es ein entsprechendes Spiegelgremium, das die deutschen Interessen in die internationale Normungsarbeit einbringt. Der DIN-Verbraucherrat arbeitet hier aktiv national wie auch international mit zwei ehrenamtlichen Expert*innen mit. Interessierte Personen, die sich in dieser wichtigen Gestaltungsphase einbringen möchten, können sich zur Mitarbeit melden. Ansprechpartnerin und weitere Informationen sind auf der DIN-Website zu finden. 

Umfassende methodische Basis 

Die Studie basiert auf einem mehrstufigen Forschungsansatz: 

  • Systematische Auswertung wissenschaftlicher Literatur sowie von Blogs und Foren 
  • Umfassende Analyse der Rechtslage in Deutschland und der EU 
  • Fokusgruppen mit Nutzer*innen und deren Angehörigen 
  • Online-Befragungen von VR-Nutzer*innen und deren Angehörigen mit über 400 Teilnehmenden 
  • Interdisziplinärer Expertenworkshop mit Fachleuten aus Verbraucher- und Datenschutz, Jugendschutz und Suchtprävention, Technologieentwicklung, Regulierung und Wissenschaft