Presse

2026-09-11

Wer investiert in die Standards von morgen?

Illustration zweier Personen, die lebensecht große Schachfiguren bewegen

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Internationale Standards entstehen im Konsens. Wer sie mitgestalten will, braucht allerdings mehr als gute technische Argumente. Fachleute müssen über Jahre in Gremien präsent sein, Vorschläge einbringen, Mehrheiten gewinnen und Verantwortung übernehmen. Das kostet Zeit, Personal und Geld.

China hat Normung eng mit Technologie-, Industrie- und Innovationspolitik verbunden und seine internationale Präsenz deutlich ausgebaut. Bei den ISO-Sekretariaten liegt das Land inzwischen bei 11,1 %, 2016 waren es noch 6,8 %. Deutschland führt das internationale Ranking weiterhin mit 17,1 %.

Aber was braucht es, um internationale Standards über Jahre hinweg mitzugestalten?

Eine multinationale Untersuchung der Humboldt-Universität zu Berlin liefert dazu neue Einblicke. Prof. Sarah Eaton (Professorin für Transregionale Chinastudien und Co-Gründerin des Berlin Contemporary China Network) und Dr. Daniel Fuchs (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften) haben Standardisierungsexpertinnen und -experten aus IKT-Unternehmen in China, Südkorea, Deutschland, Frankreich, den USA und Großbritannien befragt.* Erste Ergebnisse wurden 2026 öffentlich vorgestellt und kürzlich vorveröffentlicht. DIN konnte mit den Forschenden bereits ausführlich über die Befunde sprechen.

Normung bekommt einen festen Platz im Unternehmen

Umfrageergebnis, das zeigt: China führt bei den Unternehmen mit Normungsabteilung
China führt bei den Unternehmen mit Normungsabteilung
© Fuchs, Eaton und Grunert

Besonders deutlich sind die Unterschiede bei der organisatorischen Verankerung. 97 % der Befragten aus chinesischen IKT-Unternehmen geben an, dass ihr Unternehmen eine eigene Standardisierungsabteilung hat. In Deutschland sind es 67 %. In allen Bereichen liegen chinesische Unternehmen allerdings nicht vorn: Beim regelmäßigen Standardisierungstraining erreicht Deutschland mit 81 % einen höheren Wert als China mit 75 %.

Größer ist der Abstand bei den Budgets. 42 % der Befragten aus China geben an, dass ihr Unternehmen 2023 mehr als eine Million Euro in Normungsaktivitäten investiert hat – bei den deutschen Unternehmen sind es 16 %.

Aus diesen Zahlen lässt sich nicht ableiten, dass mehr Geld automatisch zu mehr Einfluss führt. Diesen Zusammenhang untersucht die Studie nicht. Sie zeigt aber, dass eigene Strukturen, hohe Budgets und kontinuierliche Mitarbeit die Normung dort zu einer dauerhaft verankerten Unternehmensaufgabe machen. 

Welche Rolle spielt der Staat?

Umfrageergebnis, das zeigt: Chinesische Unternehmen erhalten die meiste finanzielle Unterstützung
Chinesische Unternehmen erhalten die meiste finanzielle Unterstützung
© Fuchs, Eaton und Grunert

Noch deutlicher wird der Unterschied bei der staatlichen Unterstützung. 84 % der Befragten aus chinesischen Unternehmen berichten von finanzieller Förderung ihrer Normungsarbeit. In Frankreich sind es 50 %, in Südkorea und den USA jeweils 41 %, in Großbritannien 37 % und in Deutschland 35 %.

Staatlicher Koordination wird länderübergreifend ein hoher Stellenwert zugeschrieben. 99 % der Befragten aus China schätzen sie als wichtig oder sehr wichtig für den Erfolg in der internationalen Normung ein. In den USA sind es 91 %, in Deutschland 70 %. 

China zeigt, wie weit staatliche Unterstützung und Koordination in der Normung reichen können. Für Europa stellt sich eine andere Frage: Wie lassen sich strategisch relevante Felder früher erkennen und Beteiligung besser unterstützen, ohne die marktgetragenen und konsensbasierten Verfahren zu verändern?

Starke Position, neues Spielfeld

Deutschland ist mit 17,1 % aller ISO-Sekretariate in der internationalen Normung stark aufgestellt und verfügt gemeinsam mit seinen europäischen Partnern über ein über Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk aus Unternehmen, Wissenschaft, Normungsorganisationen und Institutionen.

Die Studie der Humboldt-Universität zu Berlin richtet den Blick allerdings genau auf einen Bereich, in dem die internationale Position Deutschlands weniger stark ausgeprägt ist: Informations- und Kommunikationstechnologien. Im IT-Bereich entfallen laut internationalem Normungsbarometer lediglich 4,2 % der Sekretariatsvorsitze auf Deutschland. Stärke lässt sich also nicht einfach von etablierten Industrien auf neue Technologien übertragen. Bei Künstlicher Intelligenz, Quantentechnologien oder anderen digitalen Zukunftsfeldern muss Einfluss neu aufgebaut werden: durch frühe Beteiligung, technisches Know-how und die Bereitschaft der Unternehmen, Fachleute über längere Zeit für internationale Normungsarbeit freizustellen.

Für Europa geht es deshalb weniger darum, das chinesische Modell zu übernehmen. Entscheidend ist, ob die vorhandenen europäischen Strukturen dort früh genug greifen, wo neue Technologien und Märkte entstehen. 

„Die Chancen der deutschen und europäischen Wirtschaft im internationalen Wettbewerb werden auch in der Normung entschieden“, sagt Christoph Winterhalter, Vorstandsvorsitzender von DIN und Vice President Policy bei CEN. „Akteure wie China haben verstanden, dass die globalen Spielregeln aufgrund der grünen und digitalen Transformation neu geschrieben werden. Sie nutzen die internationale Normung daher sehr strategisch, um ihre Position auf dem Weltmarkt auszubauen.“ 

Mehr Wettbewerb – und trotzdem Kooperation

Chinas wachsende Rolle in der internationalen Normung wird von einem Teil der befragten IKT-Unternehmen kritisch wahrgenommen. In den USA stimmen 69 % der Aussage zu, dass die zunehmende Beteiligung chinesischer Unternehmen konsensbasierte Praktiken der internationalen Normung beeinträchtige. In Deutschland sind es 56 %.

Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: Die Studie misst Wahrnehmungen. Sie weist nicht nach, dass chinesische Beteiligung konsensbasierte Verfahren tatsächlich schwächt.

Die Skepsis führt allerdings nicht automatisch zu mehr Distanz – im Gegenteil. 75 % der Befragten in den USA sprechen sich für mehr Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen in internationalen Normungsorganisationen aus. In Großbritannien sind es 73 %, in Frankreich 64 % und in Deutschland 59 %. Kritik und Kooperation stehen für viele Unternehmen also offenbar nebeneinander. 

Dass Wettbewerber gemeinsam an Standards arbeiten, gehört zum Kern internationaler Normung. Neu ist der geopolitische Druck, unter dem diese Zusammenarbeit zunehmend stattfindet. Für Unternehmen steht dabei einiges auf dem Spiel. Wenn technische Standards auseinanderlaufen, drohen parallele Märkte, zusätzliche Anpassungskosten und neue Hürden entlang globaler Wertschöpfungsketten. Internationale Normung muss deshalb auch dann funktionieren, wenn wirtschaftliche und politische Interessen stärker auseinandergehen.

Der Digitale Produktpass zeigt, wie das in der Praxis aussehen kann. Das 2026 gegründete ISO/IEC Joint Technical Committee 5 entwickelt die Grundlagen für interoperable Digitale Produktpässe. Das Sekretariat liegt bei DIN, Deutschland stellt den Vorsitzenden. China gehört über seine nationale Normungsorganisation SAC zu den 32 aktiv beteiligten Mitgliedern und übernimmt den Co-Vorsitz. Die unterschiedlichen Interessen verschwinden damit nicht, aber sie werden in einem gemeinsamen Verfahren verhandelt. Gerade darin liegt der Wert internationaler Normung.

Die Frage für Europa

Die Studie der Humboldt-Universität zeigt am Beispiel von China, welchen Stellenwert Normung bekommen kann, wenn Unternehmen und Staat sie konsequent priorisieren. Für Europa folgt daraus eine unbequeme Frage: Sind europäische Unternehmen in den entscheidenden Zukunftsfeldern früh genug und mit ausreichenden Ressourcen vertreten? 

Internationale Positionen entstehen über Jahre – durch Fachleute, die kontinuierlich mitarbeiten, technische Vorschläge einbringen und Verantwortung in Gremien übernehmen. Ohne ihre Expertise bleibt auch eine starke Ausgangsposition abstrakt.

Sie wollen Ihre Perspektive oder die Ihres Unternehmens, Verbands oder Ihrer Organisation einbringen? Über DIN können Sie sich an der nationalen, europäischen und internationalen Normungsarbeit beteiligen. 

Jetzt Normung mitgestalten


* Die Umfrage ist Teil eines der geförderten Projekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Projekt-Nr. 515038358).

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Julian Pinnig

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