Technologieführerschaft „Made in Germany“
Ein Rückblick zur Veranstaltung anlässlich der Hannover Messe
Wer sich im technologischen Wettbewerb behaupten und Führungspositionen in Zukunftsmärkten sicherstellen möchte, muss technologische Standards setzen. Dabei werden Normen und Standards im internationalen Wettbewerb immer häufiger als Instrumente zur Durchsetzung geopolitischer Interessen wahrgenommen. Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus für Wirtschaft und Industrie? Welchen Einfluss hat die Circular Economy? Wie können wir das Qualitätsversprechen ‘Made in Germany’ in die digitale, zirkuläre und nachhaltige Welt überführen?
Diese Fragen wurden am 18. April im Rahmen der Hannover Messe diskutiert. Im Fokus der gemeinsamen Veranstaltung Technologieführerschaft ‘Made in Germany’ der Deutschen Messe, des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI) und der Normungsorganisationen DIN und DKE, wurde in drei Panels die strategische Rolle der Normung diskutiert und Schwerpunkte gesetzt.
„Technologieführerschaft pflanzt sich nicht von allein fort“
Der Technologiestandort Deutschland sei immer noch weltmarktführend, aber Technologieführerschaft in der Zukunft kein Selbstläufer, betonte BDI-Präsident Prof. Dr. Siegfried Russwurm in seiner eröffnenden Keynote. Das Fundament für Deutschlands zukünftigen Wirtschaftserfolg müsse heute gelegt werden. Dazu zählt die strategische Nutzung technischer Standards, um globale Märkte zu erschließen. Standardisierung ist ein wichtiger Hebel für die Gestaltung von Schlüsseltechnologien und die Stärkung Deutschlands als Industrie-, Export- und Innovationsland in einer Zeit globaler Spannungen und Fokussierung auf Dekarbonisierung und Digitalisierung.
Deutschland muss seine Stärken in der internationalen Standardisierung nutzen
Expert*innen diskutierten im ersten Panel die Rolle von Normen und Standards bei der grünen Transformation auf dem Weg zur Klimaneutralität. Standards könnten beispielsweise bei der Batterieproduktion oder der Kreislaufwirtschaft helfen, so Dr. Ulrich Stoll. Als Lösungsansatz für eine nachhaltige Wirtschaftsweise betonte Julia Klöckner, wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU/CSU- Bundestagsfraktion, Technologieoffenheit und weniger Bürokratie. Die Bedeutung von Normen und Standards für die Markteinführung von Wasserstofftechnologien wurde diskutiert. In naher Zukunft soll eine Normungsroadmap eines Verbundsprojektes mehrerer Partner auf die Herausforderungen und Potentiale der Wasserstoffstandardisierung hinweisen, so der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des VDMA Hartmut Rauen. Weiter betont dieser, dass die Innovationskraft der Wirtschaft dabei im Vordergrund stehen solle und eine starke Beteiligung deutscher Experten wichtig sei. Man verfolge weiterhin einen Top-Down-Approach, damit auch eine aktive Teilnahme kleiner und mittlerer Unternehmen an der Standardisierung möglich sei. Dafür müssten jedoch mehr Unterstützungsmöglichkeiten geschaffen werden.
Das Risiko liegt in einer möglichen Blockade der internationalen Kooperation
Luisa Kinzius, Direktorin der Sinolytics GmbH, erklärte in ihrer Rede am Beispiel von China, welche Ansätze andere Länder in der internationalen Standardisierung verfolgen. China habe einen staatsgetriebenen Ansatz mit einer klaren Prioritätenliste, zu der aktuell digitale Technologien, Künstliche Intelligenz und Elektromobilität gehören. Die Gefahr bestehe darin, dass eine mögliche Blockierung der Kooperation in der internationalen Normung zu getrennten Technologiewelten führen könne. Obwohl China strategisch die Standardisierung nutze, sei die Übernahmequote internationaler Standards in den letzten Jahren auf 20 Prozent zurückgegangen.
Normung muss als Karrierechance wahrgenommen werden
Im zweiten Panel "Wer setzt die Standards für die digitale und vernetzte Zukunft?" betonte Dr. Kurt Bettenhausen, Vorstandsmitglied bei der HARTING Technologiegruppe und DKE-Präsident, dass Normung Chefsache und Karrierechacne im Unternehmen sein müsse, um einen starken Beitrag zur internationalen Normung zu leisten. Stefan Schnorr, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Verkehr, betonte den Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft bei Normung und Standards. Er appellierte an alle Akteure auf europäischer und nationaler Ebene, schneller zu handeln. Wolfgang Weber, Vorsitzender der Geschäftsführung des ZVEI, betonte, dass die Standardisierung von Datenformaten eine Wettbewerbsfähigkeit erzeuge.
Standards als Hebel
Ann Cathrin Riedel, Vorsitzende des LOAD e.V., betonte in ihrer anschließenden Intervention nach dem Panel, dass der globale Systemwettbewerb auch vor internationalen Gremien der Standardsetzung nicht halt mache. Deutschland müsse deshalb mit gleichgesinnten Partnern enger zusammenarbeiten. Außerdem sei es wichtig, Standards auch im Inland zu beachten, da sie ein Hebelprojekt in der Digitalstrategie der Bundesregierung seien.
Circular Economy ist komplex
Im Panel "Closing the Loop: Wertschöpfungschance Zirkularität" betonte Klaus Lützenkirchen (Siemens AG), dass die Digitalisierung bei der Simulationssoftware ein Schlüsselfaktor für die Berücksichtigung von Kosten, Leistung und standardisierten Nachhaltigkeitsindikatoren im Lebenszyklus von Produkten sei. Standards hätten in jeder Phase der Produktentwicklung einen starken Einfluss und weltweit agierende Unternehmen benötigen globale Standards. Susanne Kadner von UnternehmerTUM beleuchtete die Circular Economy Gründerszene in Deutschland und appellierte daran, Digitalisierung und Circular Economy gemeinsam zu betrachten. Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) betonte, dass es notwendig sei, den Kreislauf in der Circular Economy zu schließen, damit Zirkularität ein Wettbewerbsvorteil für Deutschland darstelle. Er unterstützte die Idee des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Ziele zu definieren und den Akteuren freie Wahl bei der Wahl der Wege zu lassen.
Bundesminister appelliert an Unternehmen, sich in der Normung aktiv zu beteiligen
Abschließend sprach Bundeswirtschaftsminister Dr. Robert Habeck und forderte Unternehmer*innen auf, sich aktiv an der Normung zu beteiligen. Er betonte, dass Standards über den Marktzugang und damit auch über den Machtzugang entscheiden würden. Damit unterstrich Habeck die strategische Bedeutung der Normung, die auch sein Ministerium mit der Gründung des Deutschen Strategieforums für Standardisierung anerkenne. Zudem wies er auf den wirtschaftlichen Charakter der Standardisierung hin. Der Minister rief zu einem verstärkten internationalen Engagement auf, denn Standards in Deutschland seien irrelevant, wenn sie nicht auf globaler Ebene umgesetzt werden könnten.