DIN-Normenausschuss Fahrweg und Schienenfahrzeuge (FSF)
DIN-FSF AA-Infrastruktur
Drei fachliche Gremienleitungen in einem Vierteljahrhundert
Der DIN‑Normenausschuss Fahrweg und Schienenfahrzeuge (DIN-FSF) in Kassel ist seit Jahrzehnten eine feste Größe der nationalen, europäischen und internationalen Normungsarbeit im Eisenbahnwesen. Innerhalb dieser Struktur nimmt der DIN-FSF Arbeitsausschuss Infrastruktur (NA 087-00-01 AA-Infrastruktur) eine besondere Rolle ein: Er ist das deutsche Spiegelgremium für Infrastruktur-Normungsaktivitäten auf europäischer (CEN/TC 256/SC 1) und internationaler Ebene (ISO/TC 269/SC 1). Damit bündelt er die fachliche Expertise Deutschlands für nahezu alle Fragen der Oberbautechnik und begleitet unmittelbar die Entstehung und Weiterentwicklung von EN‑ und ISO‑Normen.
Ein Blick auf die vergangenen 25 Jahre zeigt, wie sehr diese Arbeit von fachlicher Kontinuität, persönlichem Engagement und vertrauensvoller Zusammenarbeit geprägt ist – getragen von drei fachliche Gremienleitungen, die den AA-Infrastruktur in unterschiedlichen Phasen mit jeweils eigener Akzentsetzung geführt haben.
Entwicklung des AA-Infrastruktur – vom FB 01 zum zentralen Spiegelgremium
Die Belange der Fahrbahntechnik wurden ursprünglich im Fachbereich FB 01 „Oberbau“ behandelt, der als nationales Spiegelgremium zum europäischen SC 1 fungierte. Im Zuge der organisatorischen Neuaufstellung des DIN FSF wurden die Fachbereiche aufgelöst. Es war jedoch ausdrücklicher Wunsch der beteiligten Fachkreise, die Themen der Fahrbahntechnik weiterhin gebündelt zu behandeln.
Seit etwa Mitte der 2000er‑Jahre erfolgt dies im heutigen NA 087‑00‑01 AA-Infrastruktur. Dort werden die Interessen von Verkehrsunternehmen, Industrie, Ingenieurbüros, Wissenschaft und Behörden zusammengeführt und zu einer abgestimmten nationalen Position entwickelt. Diese Abstimmung ist wesentlich, da auf europäischer und internationaler Ebene Entscheidungen nicht nach Einzelinteressen, sondern nach nationalen Stimmen getroffen werden.
Parallel zur europäischen Normungsarbeit hat in den vergangenen Jahren die Bedeutung der internationalen Normung im ISO/TC 269/SC 1 deutlich zugenommen, sodass der AA-Infrastruktur heute eine doppelte Spiegelfunktion wahrnimmt.
Jürgen Reinhardt – Erfahrungswissen in europäische Normen überführen
Jürgen Reinhardt stand dem AA-Infrastruktur von 2001 bis 2010 vor. Seine Amtszeit fällt in eine Phase, in der sich die europäische Eisenbahnnormung entscheidend formierte und viele Themen der Oberbautechnik erstmals systematisch auf CEN‑Ebene bearbeitet wurden. Reinhardt prägte diese Phase nicht nur durch seine Arbeit im nationalen Spiegelgremium, sondern insbesondere durch seine Leitung der europäischen Arbeitsgruppe WG 50.
Ein besonderes und bis heute wirksames Verdienst besteht darin, dass unter seiner Verantwortung die anerkannten Kenntnisse der DB zur zerstörungsfreien Prüfung (ZfP) von Schienen aus dem nationalen Regelwerk heraus in die europäische Normung eingebracht wurden. Damit gelang es, langjährig bewährte betriebliche Verfahren in einen europäischen Standard zu überführen und international verfügbar zu machen.
Andreas Beck – Systematik, Breite und internationale Anschlussfähigkeit
Mit Andreas Beck übernahm von 2011 bis 2020 eine fachliche Gremienleitung den Vorsitz, die diese Linie konsequent weiterentwickelte und zugleich in die Breite führte. Ziel war es, einschlägige Experten aus Verkehrsunternehmen, Industrie, Ingenieurbüros und Instituten systematisch zusammenzuführen und deren DB‑, firmen‑ und institutspezifische Erfahrungen in anwendungsgerechte, robuste Normen zu überführen.
Im Mittelpunkt stand dabei die Weiterentwicklung normativer Grundlagen für nahezu das gesamte Spektrum der Oberbautechnik – von der Produktprüfung und Produktherstellung über den Einsatz von Maschinen und Messverfahren bis hin zu Planung, Bau und Abnahme. In dieser Zeit wurden zahlreiche EN-Normen inhaltlich so ausgelegt, dass sie als Basis für ISO‑Normen dienen konnten. Inhalte aus dem CEN/TC 256/SC 1 flossen zunehmend in den ISO/TC 269/SC 1 ein und stärkten die Kohärenz zwischen europäischer und internationaler Normung.
Diese Jahre fielen zugleich in eine kritische Phase für den Standort Kassel: In den 2010er‑Jahren stand die Existenz des DIN-FSF auf dem Prüfstand. Dank der verlässlichen, fachlich hochwertigen Unterstützung der Belegschaft konnte der Fortbestand des DIN-FSF in Kassel als verlässlicher Lotse nicht nur für deutsche Spiegelausschüsse, sondern auch für die Betreuung europäischer und internationaler Arbeitsgruppen gesichert werden.
Harald Sattler – Kooperation und kontinuierliche Weiterentwicklung
Seit 2021 steht Harald Sattler dem AA-Infrastruktur vor. Er setzt die bewährte Linie fort und legt besonderen Wert auf eine konstruktive, fachtechnische Zusammenarbeit zwischen Vertretern von Verkehrsunternehmen – insbesondere der DB –, der Industrie, Ingenieurbüros und Instituten. Unter seiner Leitung werden bestehende Normen gepflegt, fortgeschrieben und an neue technische, betriebliche und regulatorische Anforderungen angepasst.
Darüber hinaus setzt Harald Sattler auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit europäischen Delegationen zur Positionsbildung – insbesondere bei neuen Normungsvorschlägen auf internationaler Ebene im ISO/TC 269. Er verfolgt dabei den kooperativen Ansatz, strittige Normungsvorschläge vorab gemeinsam mit den Vorschlagenden abzuklären, vorhandene Verständnisprobleme anzusprechen und den Scope in eine konsensfähige Richtung zu bringen. Dazu gehört einerseits, der eigentlichen Normungsarbeit vorgelagerte Ad-hoc-Gruppen (AHGs) zu unterstützen, und andererseits das Initiieren bilateraler Abstimmungen in kleinem Kreis mit den entsprechenden europäischen und internationalen Partnern.
Fachliche Breite und Struktur des AA-Infrastruktur
Der AA-Infrastruktur bildet als Spiegelgremium den organisatorischen Rahmen für die oberbautechnische Normungsarbeit. Seine Zusammensetzung steht exemplarisch für die Breite der Oberbautechnik: Betrieb, Planung, Produktentwicklung, Prüfung und Forschung sind gleichermaßen vertreten. Diese Vielfalt ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Normen nicht losgelöst vom Anwendungsfall entstehen, sondern als tragfähige Grundlage für Planung, Bau, Abnahme und Instandhaltung dienen.
Entsprechend der Struktur des CEN/TC 256/SC 1 und ISO/TC 269/SC 1 gliedert sich die Arbeit in zahlreiche thematische Unterausschüsse und Working Groups. In den vergangenen Jahren hat sich deren Anzahl deutlich erhöht, unter anderem in den Bereichen:
- Schienen einschließlich Schweißverfahren und Instandhaltung
- Gleisbaumaschinen und ‑geräte
- Schwellen und Schienenbefestigungssysteme
- Weichen und Kreuzungen
- Gleisgeometrie und Gleisqualität
- Abnahme von Oberbauarbeiten
- Sicherheitsmaßnahmen bei Bauarbeiten
- Feste Fahrbahn
- Lärmschutz und Fahrzeug‑Fahrweg‑Wechselwirkung
Diese Entwicklung spiegelt die zunehmende Differenzierung und Technisierung der Oberbautechnik wider. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen durch die Kohärenzschaffung zwischen europäischer und internationaler Normung, wodurch auch die Anzahl der ISO‑Arbeitsgruppen kontinuierlich wächst.
EN‑ und ISO‑Normen der Oberbautechnik (2001 bis heute)
Über die Amtszeiten der drei fachliche Gremienleitungen hinweg entstanden und entstehen Normen, die den Stand der Technik der Oberbautechnik seit Beginn der 2000er‑Jahre prägen und fortlaufend weiterentwickelt werden. Zu den zentralen europäischen Normen (EN) zählen unter anderem:
- EN 13674 „Bahnanwendungen – Oberbau – Schienen“
- EN 14587 „Bahnanwendungen – Oberbau – Abbrennstumpfschweißen von Schienen“
- EN 14730 „Bahnanwendungen – Oberbau – Aluminothermisches Schweißen von Schienen“
- EN 13230 „Bahnanwendungen – Oberbau – Betonschwellen und Tragplatten“
- EN 13146 „Bahnanwendungen – Oberbau – Prüfverfahren für Schienenbefestigungssysteme“
- EN 13481 „Bahnanwendungen – Oberbau – Leistungsanforderungen für Schienenbefestigungssysteme“
- EN 13450 „Gesteinskörnungen für Gleisschotter von Eisenbahnen“
- EN 13232 „Bahnanwendungen – Oberbau – Weichen und Kreuzungen“
- EN 13848 „Bahnanwendungen – Oberbau – Gleislagequalität“
- EN 13231 „Bahnanwendungen – Oberbau – Abnahme von Oberbauarbeiten“
- EN 16432 „Bahnanwendungen – Oberbau – Feste Fahrbahn-Systeme“
- EN 16729 „Bahnanwendungen – Infrastruktur – Zerstörungsfreie Prüfung von Schienen im Gleis“
- EN 17397 „Bahnanwendungen – Infrastruktur – Schienenfehler-Managementsysteme“
Auf internationaler Ebene dienten zahlreiche Inhalte dieser EN-Normen als Grundlage für ISO‑Normen, insbesondere in den Bereichen Schweißen, Schwellen, Befestigungssysteme und Gleisqualität.
Die genannten Normen betreffen insbesondere die Herstellung und die Prüfung von Oberbaukomponenten, die Anforderungen an Verfahren, planerische Aufgaben sowie die Abnahme und Durchführung oberbautechnischer Arbeiten.
Normen im Eisenbahn‑Oberbau sind dabei weit mehr als technische Detailregelungen: Sie schaffen eine gemeinsame fachliche Grundlage für Planung, Bau, Prüfung und Instandhaltung des Fahrwegs, erhöhen Sicherheit und Interoperabilität und ermöglichen die systematische Überführung betrieblicher Erfahrungen in dauerhaft verfügbare Regelwerke. Zugleich wirken sie wirtschaftlich durch Standardisierung, Vergleichbarkeit und optimierte Lebenszykluskosten.
Herausforderungen und Perspektiven der Normungsarbeit
Mit der zunehmenden Anzahl an Normen und Arbeitsgruppen wachsen auch die Anforderungen an die beteiligten Experten und Organisationen. Zu den zentralen Herausforderungen zählen:
- die kontinuierliche Fortschreibung und Aktualisierung bestehender Normen,
- die Mehrfachbelastung durch parallele Mitarbeit in CEN‑ und ISO‑Gremien,
- die zunehmende Quantität an asiatischen Normungsvorschlägen auf ISO-Ebene,
- die Gewinnung und Nachfolge von Experten,
- sowie übergreifende Themen wie Digitalisierung, Klimawandel und regulatorische Entwicklungen.
Diese Rahmenbedingungen zeigen, dass Normung ein langfristiger, kontinuierlicher Prozess ist, der nur durch engagierte Mitarbeit aus Praxis, Industrie und Forschung erfolgreich gestaltet werden kann.
Fazit
Ein Vierteljahrhundert, drei fachliche Gremienleitungen, eine klare Linie: Der AA-Infrastruktur des DIN-FSF steht für fachliche Tiefe, Verlässlichkeit und die kontinuierliche Überführung bewährten Wissens in anwendungsgerechte Normen. Die erfolgreiche Entwicklung zahlreicher EN‑ und ISO‑Normen der Oberbautechnik zeigt, was möglich ist, wenn Engagement, Expertise und institutionelle Unterstützung zusammenwirken. Der DIN-FSF in Kassel bleibt damit ein aktiver Gestalter der Eisenbahnnormung – in Deutschland, in Europa und weltweit.
Gastbeitrag von Herrn Andreas Beck