Die iPoint-systems GmbH, Reutlingen

Interview mit M.A. Martina Prox, Nachhaltigkeitsstrategie

Martina Prox ist Expertin für Nachhaltigkeitsstrategie bei ifu Hamburg, das zur iPoint Group gehört.
© Götz Schleser

Weil Sustainability und Circular Economy mehr Zusammenarbeit erfordern: iPoint-systems gestaltet die Spielregeln dafür global wie regional aktiv mit.

„Die Normungsarbeit bei DIN bietet uns eine hervorragende Plattform zum Austausch und zur Vernetzung mit den nationalen und internationalen Stakeholdern.“

Das Interview

Warum und seit wann sind Sie in der Normung aktiv?
Wir haben uns als IT- Unternehmen für die Normungsarbeit entschieden, weil wir so viel besser sicherstellen können, dass die Umsetzung von Normen in IT-Anwendungen konsistent möglich ist. Ich bin seit 2008 in der Normung aktiv und vertrete dabei die Stakeholdergruppe der Normanwender.

In welchen Normungsgremien arbeiten Sie mit?
Ich leite als Obfrau den „DIN NAGUS Gemeinschaftsausschuss Circular Economy“. Im November 2018 wurde ich als Mitglied des Vorstandes des Verbands für Nachhaltigkeits- und Umweltmanagement e.V. (VNU) in den NAGUS-Beirat gewählt. Hier informiere ich die Verbandsmitglieder regelmäßig über neue Normungsvorhaben und bringe die Anwenderperspektive in den NAGUS-Beirat ein. Zudem war und bin ich in den Gemeinschaftsarbeitskreisen „Materialflusskostenrechnung und monetäre Bewertung von Umweltwirkungen“ sowie „Ökobilanzen und umweltbezogene Kennzeichnung“ aktiv.

Mit wie vielen Personen ist iPoint in den Gremien vertreten?
In der DIN/ISO-Normung bin ich derzeit die einzige Person.

Wie viel Zeit investieren Sie in Ihre Gremienarbeit?
Das sind etwa 20 Prozent; neben DIN/ISO und dem VNU e. V. arbeite ich im Führungskreis des Forums for Sustainability through Life Cycle Innovation e. V. (FSLCI), einer globalen NGO, die sich für die Zusammenarbeit der Life Cycle Community mit anderen Interessensgruppen im Nachhaltigkeitskontext einsetzt. Hier wollen wir die Verwendung von Life Cycle Informationen breiter etablieren und damit nachhaltige Innovationen voranbringen. Unternehmensintern und in der Zusammenarbeit mit iPoint-Kunden begleite ich immer wieder die Normanwendung. So kann ich Praxiserfahrungen aus Kundenprojekten in die Gremienarbeit einbringen.

Was ist Ihnen bei der Normungsarbeit besonders wichtig?
Da gibt es einiges: Anwenderfreundlichkeit und Umsetzbarkeit in IT-Lösungen sind für uns zentral. Übergeordnet soll sich die Nachhaltigkeit industrieller Produktionssysteme kontinuierlich verbessern. Wir wollen, dass die Umweltbewertung über den gesamten Produktlebenszyklus möglich wird, dass sich Materialkreisläufe schließen und Verschwendung beendet wird. Als Grundlage dafür sehen wir Transparenz und Nachverfolgbarkeit aller materialbezogenen Informationen. Diese Komplexität und Effizienz erfordern einen durchweg digitalen Prozess, was den Marktteilnehmern große Kooperationsbereitschaft abverlangt. Dafür sind klare Regeln und eine einheitliche Terminologie, wie sie durch Normung entsteht, eine zentrale Voraussetzung.

Konnten Sie schon Normen auf den Weg bringen?
Meine erste Norm, die ich mit erarbeitet habe, war die ISO 14051 zu Materialflusskostenrechnung. Bis dahin hatte ich viele Jahre im Kontext Ökobilanzierung und Umweltmanagementsysteme mit Normen der ISO 14000-Familie gearbeitet. Die ISO 14051, ISO 14052, ISO 14053, ISO 14008 und die ISO 14007 habe ich auch international aktiv mitgestaltet und als stellvertretende Obfrau die Arbeiten des deutschen Spiegelgremiums begleitet. Auch die ISO 14067 konnte ich national begleiten und verfolge aktuell die Arbeiten an der ISO 24468 Carbon Footprint of Transport Operations – Requirements and Guidelines for Quantification. Im Normenausschuss „Ökobilanzen und umweltbezogene Kennzeichnung“ habe ich insbesondere die ISO/TS 14071 und die ISO/TS 14072 auch international aktiv mitgestaltet. Unlängst haben wir im sogenannten „Leitfaden-Team“ die DIN SPEC 35807 – Leitfaden zur Lebenswegbetrachtung nach DIN EN ISO 14001 2015 – erarbeitet, die in Kürze veröffentlicht wird.

Welche Vorteile hat iPoint-systems und haben Ihre Produkte dadurch am Markt?
Wir denken mit unseren IT-Themen ja weit über den nationalen Kontext hinaus. Wenn sich der digitale Prozess in der Umweltbewertung von Produkten durchsetzt, kann kein Hersteller mehr schummeln und Produkte als umweltfreundlicher darstellen als sie sind – beispielsweise in Bezug auf den CO2-Fußabdruck oder die Volldeklaration von enthaltenen Substanzen. Darin sehen wir einen wesentlichen Beitrag zur Circular Economy. Gesetzgebung baut in der EU auf Normung auf und damit bietet die Normung auch die Möglichkeit, indirekt Gesetzgebung zu beeinflussen. Gerade bei innovativen Themen kommt es aber auf Geschwindigkeit und Agilität an, diese Eigenschaften hat ein IT-Unternehmen wie die iPoint-systems und kann durch eine Vorreiterrolle z.B. in der Umsetzung von Lieferkettentransparenz damit zum „best practice“ werden.

An welchen Netzwerkveranstaltungen nehmen Sie teil – was vermissen Sie bei DIN?
Inzwischen bin ich schon über zehn Jahre in der Normung dabei und nehme kaum noch an Netzwerkveranstaltungen teil. Meiner Einschätzung nach könnte die Koordination zwischen den unterschiedlichen Normenausschüssen verbessert werden. Denn nicht nur im NAGUS werden umwelt- und nachhaltigkeitsbezogene Normen erarbeitet, sondern auch in branchenfokussierten Ausschüssen. Davon erfährt man oft nichts. So bleibt es eine Herausforderung, rechtzeitig einen Link oder einen proaktiven Austausch zwischen den Ausschüssen herzustellen. Normen sind zwar wichtig, aber neue Normen sind nicht immer der Königsweg. Es erscheint einfacher, neue Normen zu erarbeiten als vorhandene Normen im Zweifelsfall zu ergänzen, zu erweitern und zu revidieren. Ich halte das aber nicht für ein reines DIN-, sondern für ein strukturelles ISO Problem. Aus Sicht eines mittelständischen Unternehmens wirkt das manchmal recht ineffizient.

Was raten Sie Unternehmen, die in der Normung aktiv werden wollen?
Alle, die bestimmte Themen für wichtig halten, können und sollten sich selbst aktiv einbringen und gestaltend Einfluss nehmen! Am Anfang ist es vor lauter Abkürzungen und Akronymen so, als würde man eine neue Fremdsprache lernen. Aber die Norm-Community ist meiner Erfahrung nach sehr kooperativ und nimmt neue Akteure gerne auf und für die ersten Schritte an die Hand. Auch die DIN-Kolleginnen und -Kollegen sind da immer ansprechbar.

Welche Zukunftsthemen kommen auf Ihre Branche zu? Wie können Normen dabei helfen?
Für uns als Softwareanbieter und für unsere Kunden aus der Automobil-, Elektronik-, MedTec- und aus weiteren Branchen der diskreten Fertigungsindustrie, sehe ich diese Zukunftsthemen:

  • Mehr Transparenz in Bezug auf die Herkunft und Rückverfolgbarkeit von Inhaltsstoffen sowie auf die umweltbezogenen und sozialen Produktionsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das betrifft auch die Recyclingfähigkeit und Wiederverwendbarkeit von Produkten. Gleichzeitig steigt der Druck des Gesetzgebers, von NGOs, Konzernen und Endverbrauchern. Dies erfordert die Digitalisierung des kompletten Produktlebenszyklusmanagement- Prozesses („Digital Circular Economy“-Ansatz).
  • Die Verantwortung für Produkte verlagert sich vom Konsumenten zum Hersteller, d. h. Hersteller sind über den gesamten Lebenszyklus für das Produkt – einschließlich dessen Recycling bzw. Wiedereinführung in einen technischen oder biologischen Kreislauf im Sinne der Circular Economy – verantwortlich. Auch hier ist die Digitalisierung des kompletten Produktlebenszyklusmanagement-Prozesses zentral.
  • Daten verwandeln sich von einem Analyse- zu einem Entscheidungsfindungstool. Weg von einem rückwärtsgerichteten, retrospektiven Ansatz – also von der reinen Betrachtung der Unternehmensleistung im Vorjahr – hin zu einem vorausschauenden, zukunftsorientierten Ansatz, der Informationen über zukünftige Risiken und Chancen enthält.
  • Verstärkte Kollaborationen der Wettbewerber (sog. „Co-opetition“) in Konsortien, um schneller zu bestmöglichen Lösungen zu kommen.
  • Künstliche Intelligenz wird im Nachhaltigkeitsbereich immer wichtiger.
  • Künstliche Intelligenz wird vollständig in das Lieferantenmanagement integriert.
  • Massenproduktion wandelt sich zur kundenindividuellen Massenproduktion bzw. zur individualisierten Massenfertigung („Mass customization“), auch über den 3D-Druck. Hier stellt sich die Frage: Wer überwacht die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften für diese individuell gefertigten Produkte? Und welche Normen können hier helfen?
  • Blockchain wird Mainstream und zunehmend für die Sammlung, Verwaltung und Berichterstattung von Nachhaltigkeitsdaten und die Bewertung des „Impacts“ von Unternehmen eingesetzt. In dieser wachsenden Komplexität hilft Normung dabei, Orientierung zu schaffen und zu behalten. Zudem trainiert das Konsensprinzip die Kooperationsfähigkeiten aller Beteiligten.


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Unternehmensgröße:  14 Standorte weltweit
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Mitarbeiterzahl: 170 weltweit, ca. 95 in Reutlingen, ca. 30 in Hamburg
Jahresumsatz: ca. 17 Millionen Euro
international tätig: unter anderem USA, Westeuropa, Asien