DIN-Normenausschuss Fahrweg und Schienenfahrzeuge (FSF)
Passive Sicherheit im Fahrzeuginnenraum
Expert*innen für die internationale Normung gesucht
Wie können Fahrgäste und ggf. Zugpersonal bei Kollisionen und Entgleisungen besser vor Verletzungen geschützt werden?
Normung kann Anforderungen vereinfachen, ihre Umsetzung skalierbar und Ergebnisse messbar machen, insbesondere im Bereich der Sicherheit. Dabei sollte sie neben gemeinsamen Zielen und Bewertungskriterien lösungsoffen bleiben.
Mit der eingangs gestellten Frage beschäftigt sich die internationale Normung zur passiven Sicherheit im Innenraum von Schienenfahrzeugen zukünftig wieder. Der NA 087-00-11-05 UA begleitet die Arbeiten auf deutscher Seite. Für die Weiterentwicklung des ISO/TR 5914 zu einer Internationalen Norm suchen wir weitere Expertinnen und Experten, die ihre Erfahrungen und Perspektiven einbringen möchten.
Wenn der Innenraum zum Sicherheitsfaktor wird
Moderne Bahnsysteme verfügen über umfassende Maßnahmen, um Unfälle zu vermeiden. Kollisionen und Entgleisungen können dennoch nicht vollständig ausgeschlossen werden. Neben der strukturellen Crashsicherheit des Fahrzeugs spielt deshalb auch dessen Innenraum eine wichtige Rolle. Denn bei einem Unfall können sich Fahrgäste beim Aufprall auf Sitze, Tische, Trennwände, Haltestangen oder Gepäckablagen verletzen.
Genau hier setzt die passive Sicherheit im Innenraum an. Sie verfolgt unter anderem das Ziel, die Folgen von Sekundärkollisionen zu reduzieren und Innenraumkomponenten so zu gestalten, dass Verletzungsrisiken möglichst gering bleiben.
Vom Technical Report zur Internationalen Norm
Eine wichtige Grundlage bildet der ISO/TR 5914 Railway applications – Rolling stock – Interior passive safety. Der Technical Report beschreibt den internationalen Stand der Technik und betrachtet unter anderem Sitze und Tische, Gepäckablagen und Trennwände, geometrische Gestaltungskriterien, Materialeigenschaften sowie Berechnungs-, Simulations- und Prüfverfahren. Auch die besonderen Anforderungen von Personen mit eingeschränkter Mobilität werden berücksichtigt.
Auf Grundlage internationaler Erfahrungen soll der bestehende Technical Report nun zu einer Internationalen Norm (ISO) weiterentwickelt werden. Ziel ist es, gemeinsame Anforderungen und Bewertungsgrundlagen für die passive Sicherheit im Fahrzeuginnenraum festzulegen.
Peter Haering (VDV) hat die Entwicklung des Technical Reports von Beginn an als fachliche Gremienleitung auf deutscher Seite im NA 087-00-11-05 UA begleitet. Die deutsche Position wurde im Gremium gemeinsam erarbeitet und abgestimmt.
Im folgenden Interview erläutert er seine persönliche Einschätzung zu den Gründen für eine Mitarbeit sowie zu Chancen, Herausforderungen und Risiken für den deutschen Markt.
Welches Mitgliedsland hat das Projekt initiiert?
Der Vorschlag kam aus UK und wurde von 9 weiteren Mitgliedsländern unterstützt.
Erachten Sie die Erarbeitung einer ISO-Norm zur Interior Passive Safety (IPS) als sinnvoll?
Für die passive Sicherheit im Fahrzeuginnenraum gibt es bereits verschiedene Richtlinien und Empfehlungen, die dazu beitragen sollen, das Verletzungsrisiko für Fahrgäste im Ereignisfall möglichst gering zu halten. Eine wichtige Grundlage bildet das von UNIFE und UIC entwickelte TecRec-Dokument. Da die Erstellung inzwischen einige Jahre zurückliegt, sollten die bestehenden Anforderungen geprüft und ggf. weiterentwickelt werden. Ein konsequenter nächster Schritt könnte sein, diese Erfahrungen in eine internationale ISO-Norm einfließen zu lassen, beispielsweise auf Basis des ISO/TR 5914.
Wo lag die größte Herausforderung bei der Annahme des Projektantrags?
Eine zentrale Herausforderung war die Festlegung des Anwendungsbereichs. Bereits beim Technical Report wurde intensiv darüber diskutiert, welche Bereiche einbezogen werden sollten. Deutschland hat sich insbesondere dafür eingesetzt, städtische Schienenbahnen und die Bereiche für Bedienstete einschließlich des Fahrerraums auszunehmen. Auch beim neuen Projekt war diese Abgrenzung ein wichtiger Diskussionspunkt. Letztlich konnte die deutsche Position erfolgreich in den internationalen Abstimmungsprozess eingebracht werden.
Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, sich an der Normungsarbeit und insbesondere an diesem Thema zu beteiligen?
Wer internationale Normen mitgestalten will, muss sich frühzeitig und aktiv in die Normungsarbeit einbringen. Nur so können die Interessen und Erfahrungen des deutschen Bahnsektors angemessen berücksichtigt und zugleich Anforderungen vermieden werden, die zu überflüssigen Einschränkungen führen. Eine Schlüsselrolle für das Thema IPS übernimmt dabei der NA 087-00-11-05 UA als deutsche Spiegelgruppe der zuständigen ISO Working-Group: Hier werden die deutschen Positionen gebündelt, die Mitwirkung deutscher Expertinnen und Experten auf internationaler Ebene koordiniert und diese zur direkten Mitarbeit auf internationaler Bühne entsendet. Das schafft Sichtbarkeit im globalen Umfeld und die eigenen Interessen können unmittelbar vertreten werden.
Wo sehen sie die größten Chancen, Risiken und Herausforderungen bei der Erarbeitung der Internationalen Norm?
Die Herausforderung liegt darin, Sicherheit und Innovation in die richtige Balance zu bringen. Ein verbessertes Sicherheitsniveau bedeutet nicht zwangsläufig, dass Normen immer strengere oder detailliertere Anforderungen enthalten müssen. Vielmehr sollten sie die notwendigen Schutzziele klar definieren und zugleich genügend Freiraum für neue technische Entwicklungen und innovative Lösungen lassen. Zu restriktive Vorgaben bergen das Risiko, zukünftige Entwicklungen unnötig einzuschränken. Genau darin liegt zugleich die Chance der internationalen Norm: einen verlässlichen Rahmen für Sicherheit zu schaffen, ohne den technischen Fortschritt zu behindern.
Neue Perspektiven gesucht
Im NA 087-00-11-05 UA ist bereits umfangreiche Expertise aus der Wirtschaft vertreten. Um bei der weiteren Normungsarbeit unterschiedliche Interessen und Blickwinkel einzubeziehen, möchten wir den Kreis der Mitarbeitenden gezielt erweitern.
Besonders suchen wir Fachleute aus:
- Prüf- und Zertifizierungsinstituten,
- Forschung, Wissenschaft und Unfallforschung,
- Verbraucher- und Fahrgastvertretungen,
- Arbeits- und Gesundheitsschutz,
- Barrierefreiheit und Interessenvertretungen von Menschen mit Behinderungen sowie
- Simulation, Prüfung und Sicherheitsbewertung.
Jetzt internationale Normung mitgestalten
Die Weiterentwicklung des ISO/TR 5914 bietet die Möglichkeit, frühzeitig an zukünftigen internationalen Festlegungen mitzuwirken und deutsche Erfahrungen und Interessen in die internationale Diskussion einzubringen.
Sie verfügen über Expertise zur Sicherheit von Fahrzeuginnenräumen oder können eine bislang wenig vertretene Perspektive einbringen? Dann wirken Sie im NA 087-00-11-05 UA mit und gestalten Sie die internationale Normung aktiv mit.