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Normung ist Geopolitik durch die technische Hintertür
Dr. Susann Lüdtke erklärt, warum internationale Standards über technologische Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit mitentscheiden.
Normung hat für Dr. Susann Lüdtke „cosy places“ – und solche, die alles andere als gemütlich sind. Die finden sich besonders dort, wo unterschiedliche technologische, wirtschaftliche und geopolitische Interessen aufeinandertreffen und wo sich entscheidet, wer neue Technologien und Märkte mitprägt.
Lüdtke beschäftigt sich seit 2013 mit China, Hightech und internationaler Normungsdiplomatie. Sie ist eng verbunden mit der Universität Würzburg und für das CASSIS der Universität Bonn als Research Associate tätig. Als Gründerin und Geschäftsführerin von Lüdtke Intelligence & Analytics, einer Beratung für geopolitische Technologie- und Standardisierungsrisiken, arbeitet sie an der Schnittstelle von Innovation, Normung, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz.
Im Interview erklärt sie, was sich hinter den „non-cosy places“ der Normung verbirgt und warum gerade die für Europa strategisch relevant sind.
DIN: Frau Lüdtke, wenn wir über digitale Souveränität sprechen, geht es oft um Chips, Cloud, Daten oder Infrastruktur. Wieso sollte es dabei auch um Normen und Standards gehen?
Susann Lüdtke: Weil Normen beeinflussen, wer Zugang zu Märkten hat und wo langfristige Abhängigkeiten entstehen können. Sie wirken damit weit über technische Detailfragen hinaus. Gerade diese strategische Dimension von Normung wird in der öffentlichen Debatte aus meiner Sicht noch immer unterschätzt.
Wo werden solche Abhängigkeiten konkret sichtbar?
Zum Beispiel bei technischen Architekturen, Schnittstellen oder Zertifizierungsverfahren. Bei Hardware geht es etwa darum, worauf Vertrauen technisch aufgebaut wird, bei Daten um Qualität, Herkunft und Governance. Solche Entscheidungen können langfristige Abhängigkeiten schaffen oder vermeiden. Viele dieser Abhängigkeiten sind zunächst unsichtbar, haben aber langfristig eine enorme Wirkung.
Und was können Normen dem entgegensetzen?
Sie können in verschiedene Richtungen wirken. Normung kann Marktzugang und Skalierung unterstützen, aber auch Sicherheit, Überprüfbarkeit und Austauschbarkeit. Sie kann außerdem helfen, Lieferketten zu diversifizieren, indem sie Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern oder Technologien verringert. In manchen Bereichen ist Normung für mich deshalb sogar eine erweiterte Form der Lieferketten-Risikoanalyse.
Sie unterscheiden zwischen „cosy“ und „non-cosy places“ in der Normung. Was meinen Sie damit?
Es gibt Bereiche, in denen die Interessen verschiedener Länder relativ nah beieinanderliegen. Bei vielen Fragen der funktionalen Sicherheit wollen am Ende alle ein sicheres Produkt – also zum Beispiel im Straßenverkehr – das sind die „cosy places“. Mich interessieren aber besonders die „non-cosy places“: KI- und Datennormung, Halbleiter, 6G, Quantenkommunikation, Drohnen oder Robotik. Dort sind die Interessen deutlich weniger deckungsgleich.
Wenn wir beim Beispiel Künstliche Intelligenz oder Daten bleiben: Was steht bei diesen “non-cosy places” auf dem Spiel?
Daten sind Produktionsfaktor und Trainingsgrundlage für KI. Ihre Qualität, Herkunft und Governance prägen zukünftige KI-Modelle und damit auch Marktpositionen und bestimmte Wertvorstellungen. Deshalb muss uns interessieren, wer über vertrauenswürdige KI, Datenräume und die entsprechenden Standards spricht. Europa sollte dort mit am Tisch sitzen. Gerade in solchen Feldern müssen wir Normung viel strategischer und machtbasierter verstehen. Das ist am Ende Geopolitik durch die scheinbar rein technische Hintertür.
Hat Europa diese strategische Bedeutung bislang unterschätzt?
Ja und nein. Die deutsche Industrie ist traditionell sehr stark in der Normung aufgestellt, vor allem die Großindustrie. Das ist natürlich gut, es reicht aber nicht. Wir müssen stärker nach dem Prinzip „reach the unreached“ denken – also diejenigen erreichen, für die Normung bislang kein selbstverständliches strategisches Thema ist.
Wer gehört für Sie zu den „unreached“?
Zum Beispiel Akteure außerhalb der etablierten Industriekreise. Ein Datenschutz- oder ein IT-Sicherheitsbeauftragter sollte verstehen, warum es ihn betrifft, wenn Standards für vertrauenswürdige Daten entwickelt werden. Oder nehmen Sie ein Stadtwerk: Auch dort kann relevant sein, wer auf internationaler Ebene ein technisches Komitee beispielsweise im Bereich der Fernwärmeversorgung prägt.
Denken andere Akteure solche Zusammenhänge schon strategischer?
Ja, China zum Beispiel. Die Volksrepublik hat Normung früh mit Technologie-, Industrie- und Innovationspolitik verknüpft. In Bereichen, in denen das Land technologisch noch nicht führend war, wurden Standards aus dem Ausland übernommen. Gleichzeitig hat man gezielt Felder gesucht, in denen noch wenig feststand – etwa Batterietechnologie oder Elektromobilität – und dort eigene Standards vorangetrieben. Ich nenne das eine „whatever it takes“-Mentalität: Man setzt ein Ziel und zieht dann Finanzierung, Ressourcen, Unternehmen und Normung gemeinsam in diese Richtung.
Wo wird denn der Unterschied zwischen Europa und China in der Normung besonders sichtbar?
Zum Beispiel bei Start-ups. Wenn wir sehr gute junge Unternehmen bei Drohnen, Quantentechnologien oder anderen Deep-Tech-Feldern haben, hilft uns das langfristig wenig, wenn ihr technologisches Wissen nicht auch in die Normung gelangt. Gleichzeitig arbeiten diese Unternehmen oft erst einmal am kurzfristigen Überleben. Deshalb brauchen wir Strukturen, die ihnen den Zugang erleichtern, zum Beispiel Forschungseinrichtungen, die sie dabei unterstützen, ihre Innovationen zu standardisieren.
Wie sieht es in den USA aus?
Auch dort wird Innovation stärker mit Normung zusammengedacht. Ein Beispiel ist das SPARC-Programm des US-Patentamts, das Patentinhabern Anreize geben soll, sich in der Normungsarbeit zu engagieren. Dahinter steckt ein strategisches Verständnis: Technologieentwicklung, Patente und Standards gehören zusammen. Genau diese Verbindung müssen wir in Europa stärker mitdenken.
Was heißt das konkret für Europa, braucht es hier auch eine “whatever it takes”-Mentalität?
Nicht im Sinne einer Blaupause. Aber wir müssen konsequenter priorisieren und dann in ausgewählten Technologiefeldern auch wirklich alles daransetzen, präsent zu sein. Gerade bei 6G, Quantentechnologien oder Datenstandards sollten wir früh entscheiden, wo europäische Expertise in internationalen Gremien gebraucht wird und wo wir gezielt Ressourcen einsetzen. Es kann aus meiner Sicht nicht sein, dass in strategisch relevanten technischen Komitees am Ende kaum europäische Akteure Verantwortung übernehmen. Da machen wir aktuell noch zu wenig.
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