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Europäische Normungsverordnung: Keine europäischen Sonderwege
Abweichende Standards könnten Prüfaufwand und Kosten für Unternehmen erhöhen
Die Europäische Kommission hat einen Vorschlag für die Überarbeitung der Europäischen Normungsverordnung vorgelegt. Ziel ist es, die Europäische Normung schneller, digitaler und wettbewerbsfähiger zu machen. DIN unterstützt diese Zielrichtung, sieht im Vorschlag aber zentrale Risiken: Er erleichtert Abweichungen von internationalen Standards und eröffnet zusätzliche Wege für technische Vorgaben. Für Unternehmen kann das mehr Prüfungen, doppelte Arbeit und höhere Kosten bedeuten.
Ein Produkt – oder mehrere Varianten für verschiedene Märkte?
Für einen Maschinenbauer macht das einen konkreten Unterschied: Entwickelt er eine Maschine auf Grundlage eines international abgestimmten Standards, kann er Konstruktion, Prüfungen und technische Nachweise grundsätzlich für mehrere Märkte nutzen. Weichen die europäischen Normen davon ab, kann es notwendig werden, einzelne Komponenten, Prüfungen oder Dokumentationen für Europa anders auszulegen. Das bedeutet Doppelarbeit, zusätzliche Kosten und im Zweifel mehr Zeit bis zum Markteintritt.
Reform darf Unternehmen keine neue Doppelarbeit aufbürden
„Unternehmen brauchen schneller klare und verlässliche Standards. Wenn Hersteller für Europa andere technische Anforderungen erfüllen, oder zusätzliche Prüfungen und Nachweise erbringen müssen als für andere Märkte, entsteht Doppelarbeit – und damit zusätzliche Kosten. Genau dieses Risiko sehen wir im vorliegenden Vorschlag.” sagt Christoph Winterhalter, Vorstandsvorsitzender von DIN.
Internationale Standards sollten der Ausgangspunkt bleiben
Der Kommissionsvorschlag eröffnet mehr Möglichkeiten, bei europäischen Standards von internationalen Lösungen abzuweichen. DIN fordert deshalb, internationale Standards auch künftig zum Ausgangspunkt europäischer Normen zu machen. „International First“ bedeutet nicht, europäische Anforderungen abzusenken. Wo internationale Standards gesetzliche oder technische Anforderungen der EU nicht ausreichend abbilden, sollten sie angepasst oder ergänzt werden.
Entscheidend ist, dass Abweichungen begründet, transparent und auf die Fälle beschränkt bleiben, in denen sie tatsächlich notwendig sind.
Europas Einfluss entsteht durch internationale Mitgestaltung
Technische Standards gewinnen mit der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung der Wirtschaft im internationalen Wettbewerb weiter an strategischer Bedeutung. Europa sollte deshalb auf seiner starken Rolle in der internationalen Normung aufbauen und globale technische Regeln weiterhin aktiv mitgestalten. Über die nationalen Normungsorganisationen fließt dabei das Wissen aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Gesellschaft in europäische und internationale Standards ein.
„Europa gewinnt an Einfluss, wenn europäische Anforderungen zu internationalen Standards werden“, sagt Winterhalter. „Der vorliegende Vorschlag stärkt diesen Weg aus unserer Sicht nicht. Europa sollte seine internationale Mitgestaltung ausbauen, statt häufiger eigene technische Wege zu eröffnen.“
Neue technische Lösungen ja – Widersprüche nein
DIN unterstützt das Ziel der Kommission, geeignete Standards und Spezifikationen aus Industriekonsortien, Open-Source-Communities und anderen Organisationen schneller für regulatorische Zwecke nutzbar zu machen.
Mehr Wege führen aber nicht automatisch zu mehr Tempo. Entscheidend ist, dass mögliche Widersprüche zwischen solchen extern entwickelten Regelwerken und dem bestehenden Normenwerk geklärt werden, bevor Unternehmen damit arbeiten müssen.
Diese externen Inhalte sollten deshalb fachlich von den zuständigen Expert*innen in den Normungsgremien geprüft und so in die Europäische Normung integriert werden, dass sich Unternehmen europaweit auf einheitliche technische Anforderungen verlassen können.
Beschleunigung betrifft die gesamte Prozesskette
Auch die Normungsorganisationen selbst müssen schneller werden. CEN und CENELEC arbeiten bereits an flexibleren Verfahren, digitalen Normen und daran, geeignete externe Inhalte besser einzubinden. DIN gestaltet diese Entwicklung aktiv mit.
Doch schnellere Normungsverfahren allein reichen nicht. Heute dauert die Vorbereitung, Prüfung und Listung einer harmonisierten Norm durch die Europäische Kommission in etwa ebenso lange wie die eigentliche inhaltliche Arbeit der Fachleute an der Norm. Wer Normung beschleunigen will, muss deshalb die gesamte Prozesskette schneller und verlässlicher machen.
Entscheidend ist, ob die Reform Unternehmen tatsächlich schneller zu verlässlichen Standards bringt, ohne neue Komplexität zu schaffen. Genau daran sollte der Vorschlag im weiteren Gesetzgebungsverfahren gemessen werden.
Was DIN für die weitere Reform der Normungsverordnung fordert
Unternehmen brauchen Standards rechtzeitig – und Klarheit darüber, welche technischen Vorgaben gelten. Dafür muss die gesamte Prozesskette funktionieren: Die Normungsorganisationen müssen ihre Verfahren weiter flexibilisieren und digitalisieren – zugleich muss die Kommission für klare, realistische und verlässliche Abläufe und Fristen sorgen.
Unternehmen und andere Interessengruppen bringen ihre Expertise vor allem über die nationalen Normungsorganisationen ein. Die Kommission sollte deshalb nicht im Detail vorgeben, wie technische Gremien zusammengesetzt sein müssen. Das nationale Delegationsprinzip und die fachliche Unabhängigkeit der Normung müssen erhalten bleiben.
Internationale Standards sollten auch künftig die Grundlage europäischer Normen bilden. Wo sie europäische Anforderungen nicht vollständig abdecken, sollten sie angepasst oder ergänzt werden. Abweichungen sollten auf klar begründete Ausnahmefälle beschränkt und transparent unter Einbeziehung der zuständigen Fachleute geprüft werden.
DIN unterstützt das Ziel, geeignete externe Standards und andere technische Regelwerke aus Industriekooperationen, Open-Source-Communities oder anderen Standardisierungsorganisationen dort nutzbar zu machen, wo sie einen Mehrwert bieten. Sie müssen jedoch so in die Europäische Normung integriert werden, dass sich Unternehmen weiterhin auf einheitliche technische Anforderungen verlassen können. Die Verantwortung für die Kohärenz des europäischen Normenwerks sollte bei den Europäischen Normungsorganisationen bleiben.
Wenn harmonisierte Normen noch fehlen, können Gemeinsame Spezifikationen der Europäischen Kommission („Common Specifications“) technische Lücken schließen. Sie sollten aber eine klar begrenzte Übergangslösung bleiben und durch harmonisierte Normen abgelöst werden, sobald diese verfügbar sind. Dauerhafte parallele technische Anforderungen würden zusätzliche Prüfungen, Anpassungen und Kosten verursachen.
Ein einfacher Zugang zu harmonisierten Normen ist wichtig. Er darf aber nicht dazu führen, dass die finanzielle Grundlage der praxisorientierten und privatwirtschaftlichen Normungsorganisationen ausgehöhlt wird und diese finanzielle Lücke an anderer Stelle geschlossen werden muss. Der Gesetzgeber muss Zugangsrechte und den Schutz geistigen Eigentums so austarieren, dass eine tragfähige Finanzierung erhalten bleibt. Nur dann können Qualität, Aktualität, internationale Mitwirkung und die notwendige Digitalisierung dauerhaft gesichert werden.