Wie Standards die digitale Transformation von Kommunen voranbringen
Smart City Standards Forum auf der Smart Country Convention 2026
Wie können Normung und Standardisierung die digitale Transformation von Städten und Kommunen unterstützen? Und was braucht es, damit Deutschland und Europa auch künftig internationale Standards aktiv mitgestalten? Darüber diskutierten Expert*innen aus Kommunen, Wirtschaft und Normung am 14. Oktober 2026 beim DIN/DKE Smart City Standards Forum (SCSF) auf der Smart Country Convention in Berlin.
Unter dem Veranstaltungstitel „Digitale Transformation souverän gestalten – Normung und Standardisierung als Erfolgsfaktor“ ging es um die Rolle Europas in der internationalen Normung, die Bedeutung von Normen und Standards für Städte und Kommunen sowie den Weg kommunaler Bedarfe und Ideen in die nationale, europäische und internationale Normung. Die zentrale Erkenntnis: Standards müssen in der kommunalen Praxis funktionieren.
Internationale Normung braucht Ressourcen und strategische Mitgestaltung
In der ersten Diskussionsrunde richtete sich der Blick auf die internationale Normungslandschaft und die Rolle Europas. Dr. Jochen Friedrich (IBM Deutschland Research & Development), Katja Krüger (DIN) und Dr. Christian Preetz (Wilo Water Treatment) diskutierten unter der Moderation des SCSF-Vorsitzenden Joachim Schonowski, wie Deutschland und Europa ihre digitale Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit durch aktive Mitgestaltung von Standards stärken können.
In seinem Impuls verglich Joachim Schonowski die Standardisierungsansätze der USA, Chinas und Europas. In den USA würden Standards eher dezentral und bedarfsorientiert mit starkem Handels- und Wettbewerbsbezug erarbeitet, strategische Schwerpunkte etwa in der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz jedoch politisch gesetzt. In China werde Standardisierung stark politisch und strategisch gesteuert, etwa in den Bereichen künstliche Intelligenz und Robotik, und durch ein zentrales Standardisierungsgremium mitfinanziert. Deutschland und Europa seien hinsichtlich der strategischen, politischen und finanziellen Unterstützung deutlich schwächer aufgestellt.
In der Diskussion wurde deutlich, dass eine starke Position Deutschlands und Europas in der internationalen Normung kein Selbstläufer ist. Katja Krüger unterstrich, wie wichtig es ist, technologische Entwicklungen und neue Normungsthemen frühzeitig aufzugreifen und die Voraussetzungen für eine wirksame internationale Mitgestaltung zu schaffen.
„Wer internationale Normung aktiv mitgestalten will, muss die nötigen personellen Ressourcen bereitstellen und Fachleuten die Mitarbeit in den Gremien ermöglichen.“
Dr. Jochen Friedrich IBM Deutschland Research & Development GmbH, Vorsitz FOKUS.Digital
Standards müssen in der kommunalen Praxis ankommen
Was Normung und Standardisierung konkret für Städte und Kommunen bedeuten, stand im Mittelpunkt der zweiten Gesprächsrunde. Thomas Eichhorn (LGV Hamburg), Klaus Illigmann (Landeshauptstadt München) und Alexander Osterhold (Stadt Solingen) diskutierten über ihre Erfahrungen aus der kommunalen Praxis.
Dabei wurde deutlich: Kommunen stehen bei der Mitwirkung an Normung und Standardisierung vor ganz praktischen Herausforderungen. Zeit, Fachexpertise und finanzielle Ressourcen sind begrenzt. Umso wichtiger sind geeignete Rahmenbedingungen, die es Kommunen ermöglichen, ihre Praxiserfahrung in Normungs- und Standardisierungsprozesse einzubringen.
„Der Mehrwert von Standards muss für Anwenderinnen und Anwender klarer und greifbarer werden.“
Thomas Eichhorn, LGV Hamburg
Damit Standards im kommunalen Alltag genutzt werden, müssen sie verständlich sein, kommunale Anforderungen abbilden und sich in bestehende Abläufe einfügen.
„Standards entfalten ihren Nutzen erst, wenn ihre Anwendung in der Praxis konsequent gelebt wird.“
Alexander Osterhold, CIO Stadt Solingen
Zugleich müssen Normungs- und Standardisierungsprozesse mit der hohen Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen Schritt halten.
Von kommunalen Bedarfen zur Norm
Wie kommunale Herausforderungen in Normung und Standardisierung einfließen können, zeigte die dritte Themenrunde. Anja Sigesmund (Stadt Wuppertal), Dr. Pierre Gras (LGV Hamburg), Wolfgang Glock (Landeshauptstadt München) und Joachim Schonowski (Stadtwerke Lübeck) diskutierten unter der Moderation von Klaus Illigmann, über die Rolle von Netzwerken wie dem SCSF und die Voraussetzungen für eine aktive Beteiligung von Kommunen.
„Die Unterstützung und Nutzung von Standards sollte mindestens durch die Länder aktiv vorangetrieben werden. Statt vieler kommunaler Insellösungen sollte es Lösungen auf Länderebene geben.“
Joachim Schonowski, Stadtwerke Lübeck, SCSF-Vorsitzender
Das Smart City Standards Forum (SCSF) ist dabei die strategische Informations- und Vernetzungsplattform von DIN und DKE für die digitale Transformation von Städten und Kommunen. Das SCSF bündelt kommunale Perspektiven und identifiziert mögliche Bedarfe für die Initiierung von Normungs- und Standardisierungsaktivitäten.
Wie dieser Weg konkret aussehen kann, zeigt beispielsweise die im September 2026 veröffentlichte DIN SPEC 91377 zu Datenmodellen und Protokollen in offenen urbanen Plattformen: Sie zeigt, wie sich Datenmodelle und technische Protokolle aufeinander abstimmen lassen, damit städtische Systeme Daten austauschen können. Weitere aktuelle Standardisierungsprojekte behandeln Datentreuhandmodelle für Smart-City-Datenplattformen (DIN SPEC 91677), digitale Systeme in der Wasserwirtschaft (DIN-SPEC-Reihe 91647) und standardisierte Gebäudedaten für kommunale Register (DIN SPEC 91657). Parallel arbeitet das SCSF an einem Impulspapier zum Thema „KI in Kommunen“, das Chancen, Herausforderungen und Risiken des kommunalen KI-Einsatzes betrachtet und konkrete Normungs- und Standardisierungsbedarfe aufzeigt.
Wer Standards mitgestaltet, gestaltet die Zukunft
Am Ende der Veranstaltung standen folgende Botschaften: Gemeinsam entwickelte Standards können Interoperabilität, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit stärken. Entscheidend ist, dass kommunale Anforderungen und Praxiserfahrungen frühzeitig in die Normung einfließen und bestehende Standards genutzt werden. Dafür braucht es Austausch, Strategie und politische Unterstützung sowie finanzielle und personelle Ressourcen. Das SCSF schafft den Raum, um Akteure zu vernetzen, Bedarfe zu bündeln und gemeinsam Standards für die smarten Lebensräume von morgen mitzugestalten.