Anwendernetzwerk ANP

39. KNP 2015

39. Konferenz Normenpraxis 2015: Effizienz durch Normen in der globalen Produktentwicklung – Schneller weltweit vorne sein

Der DIN – Ausschuss Normenpraxis (ANP) veranstaltete seine Gemeinschaftssitzung mit Konferenzcharakter (ANP-Gemeinschaftssitzung mit 39. KNP) aller Regional-, Sektor- und Themengruppen am 1. und 2. Oktober 2015 im Audi Konferenz Center in Ingolstadt.

Die ANP-Veranstaltung stand unter dem Motto „Wie können wir Normen in der globalen Produktentwicklung so einsetzen, dass sie unseren Firmen frühzeitig einen größtmöglichen Nutzen bringen?“.

In den drei Themenblöcken Modularisierung, Datenmanagement und Der Blick über den Tellerrand gaben 10 Referenten Antworten auf diese Fragen.

Nach jedem Vortrag beteiligten sich die 131 Teilnehmer rege an den folgenden Diskussionen und damit dem für den ANP typischen Wissens- und Erfahrungsaustausch. Die aus dem ANP-Stuttgart stammende Idee des so genannten Speakers` Corner bot im Anschluss an die Themenblöcke nochmals Raum für Diskussionen mit den jeweiligen Referenten.

Thomas Kamla, Bereichsleiter in der Technischen Entwicklung der AUDI AG, eröffnete die Veranstaltung und unterstrich die Wichtigkeit von Normung, insbesondere im Hinblick auf genormte Schnittstellen, die zum Betrieb eines Autos immer größere Bedeutung erlangen. Z. B. sind genormte Schnittstellen unabdingbar für die innovativen Themen wie kontaktloses Laden oder im Zusammenhang mit der Infrastruktur von Car2Car(-Kommunikation) oder Car2x.

Martin Conrads, AUDI AG, Vorsitzender von DIN – ANP, erinnerte daran, dass bereits zwei Jahre nach Gründung von DIN im Jahre 1917 die Notwendigkeit erkannt wurde, eine Vereinigung der Normenanwender zu schaffen und deshalb 1919 der Vorläufer des ANP gegründet wurde.

ANP-Mitglieder heute sind Normenanwender in Unternehmen und häufig in der Leitung der Normenstelle oder als deren Mitarbeiter tätig. Es ist wichtig, dass sich die Normenstellen in Unternehmen primär als Dienstleister für ihre Kollegen verstehen.

Deshalb ist das ANP-Netzwerk, das für detaillierte Informationen über aktuelle Themen im engeren und weiteren Umfeld von Normung und Normen steht, für die Kollegen in den Firmen bei Normungsfragen eine große Unterstützung. Insbesondere der Erfahrungsaustausch seiner Mitglieder unter dem Motto „aus der Praxis für die Praxis“ ermöglicht es, zu Problemstellungen im Normungsprozess schnelle und praktikable Lösungen zu finden.

Martin Conrads ging auch auf die Frage ein, in welcher Zeit eine Norm erarbeitet werden sollte. Er plädierte dafür, die Dauer von Fall zu Fall zu prüfen. Die Normungsprozesse müssen eine rasche Erarbeitung ermöglichen, dies wird aber von den Stakeholdern oder dem Markt nicht in jedem Fall verlangt. Schneller muss nicht in jedem Fall zielführend sein, unter anderem, weil hier für die externen Experten ein höherer Einsatz in der Anzahl und Dauer von Gremiensitzungen zu leisten ist.

Frau Dr. Bohnsack, Geschäftsführerin des ANP und Mitglied der Geschäftsleitung von DIN, Bereich Normung, gab in Vertretung für Herrn Dr.-Ing. Torsten Bahke, Vorsitzender des Vorstandes von DIN, einen Überblick zu den fünf Zielen der DIN-Strategie 2016.

Die sich ändernden Rahmenbedingungen der Normung, wie die zunehmende Beeinflussung und Komplexität in Wirtschaft und Technik sowie die Angriffe auf das Finanzierungskonzept der Normung haben Vorstand und Geschäftsleitung von DIN bewogen, die DIN-Strategie 2016 zu verabschieden. Die DIN-Strategie ist insbesondere nach innen ausgerichtet. Markenkern von DIN ist Vertrauen. DIN steht für Sicherheit und Zuverlässigkeit. In der Produktnormung ist DIN in diesem Sinne sehr gut aufgestellt.

Um zukunftsträchtige Themen frühzeitig zu ermitteln, hat DIN das Projekt KITE ins Leben gerufen (Konvergente Innovative Themen Entwickeln) mit dem Ziel, neue Normungs- und Standardisierungsvorhaben anzuregen. Wer unterstützt durch DIN einen Standard setzt, schafft Akzeptanz und Vertrauen am Markt und erhält zugleich ein Netzwerk an potenziellen Kunden und Partnern. So wird mit einer DIN SPEC der Markt für neue Produkte vorbereitet. DIN SPEC lassen sich innerhalb weniger Monate erstellen und veröffentlichen.

Frau Dr. Ulrike Bohnsack ging auch auf die Erarbeitungszeit von Normen ein und stellte das bei DIN gestartete Projekt 18.0 vor. Die Erarbeitung einer Norm muss in 18 Monaten mit 0 Fehler möglich sein.

Zu erwähnen ist auch, dass die von DIN erarbeitete Normungsroadmap Dienstleistungen 1.0 an die Europäische Kommission übergeben wurde. Damit steht auf europäischer Ebene ein anerkanntes Werkzeug zur Vollendung des europäischen Binnenmarktes im Bereich der Dienstleistungen zu Verfügung.

Block 1 startete mit dem Thema Modularisierung –

Modularisierung heißt, Komplexität beherrschen und managen.

Ein Modul ist ein Subsystem, dessen Grenzen nach fertigungstechnischen und funktionalen Gesichtspunkten mit dem Ziel festgelegt sind, es unabhängig vom Gesamtsystem entwickeln, konstruieren, fertigen und prüfen zu können.

Prof. Dr.-Ing. Jörg Feldhusen, IKT, RWTH-Aachen, dessen Vortrag von Albrecht Lederer (Your Expert Cluster) gehalten wurde, wie auch Dr. Jan Göpfert, ID-Consult GmbH und Peter Gerber, Schaeffler Technologies AG & Co. KG, beschrieben die Möglichkeiten beim Management komplexer Produkt- und Serviceportfolios, wobei Modularisierung sich als Chance für „übermorgen“ darstellt. Auch wurde erläutert, wie Normung zur Beschreibung von Schnittstellen als Basis für die Modularisierung von (Produktions)-Baukästen genutzt werden kann und wie dadurch mit diesem Instrument die Komplexität beherrscht wird. Das Motto lautet, Vordenken ist besser als Nachdenken … .

Es gilt, die komplette Varianz des Produktangebots über Systemgrenzen durchgängig zu erhalten. Modularisierung reduziert die „innere Varianz“ mit Hilfe standardisierter Funktionsmodelle, ohne kundenspezifische Besonderheiten zu verhindern. Eine modularisierte Produktarchitektur erschließt Einsparpotenziale über die gesamte Wertschöpfungskette (erfolgreiche Etablierung von Baukastensystemen).

Die Kosteneinsparung ist immens. Dr. Jan Göpfert wies in diesem Zusammenhang auf seine Studie „Der Einfluss von modularen Produktbaukästen auf den Unternehmenserfolg“ hin.

Fragen zur Beschreibung, Verwaltung und Archivierung und somit zur Rückverfolgbarkeit modularisierter Prozesse mit Hilfe komplexer Softwareunterstützung wurden ebenfalls thematisiert.

Block 2 stand unter dem Motto:Dokumentenmanagement (gestern), Produktmanagement (heute), Produkt-Lifecycle-Management (morgen) und zeigte Lösungswege auf, wie die Strategien der Informatisierung (insbesondere bei Zeichnungen) mit Normen unterstützt werden können.

Joachim Langenbach, TU Clausthal, beschrieb die Einbindung eines Normeninformationssystems in den frühen Produktentwicklungsprozess. Seine wichtigste Botschaft war, dass im gesamten Produktionsprozess durchgängig auf das gleiche Normenmanagementsystem zugegriffen werden sollte.

Axel Tiepmar, ZF Friedrichshafen AG und Joachim Schemainda, Continental Teves AG & Co. oHG führten an, welche Vorteile ein integriertes Normenmanagement im Produktmanagementsystem hat, insbesondere bei der Organisation und Steuerung der Verwendung von Normen in der Produktdokumentation.

Christian Ignatzek, Hauni Maschinenbau AG, beschrieb den Handlungsbedarf im Maschinenbau bezüglich des Obsoleszenz-Managements unter dem Aspekt der Standardisierung (Was ist zu tun, wenn zu erwarten ist, dass Ersatzteile oder Subsysteme während der Lebensdauer einer Maschine nicht mehr verfügbar sind?). Standardisierte Prozesse und klare Verantwortlichkeiten ermöglichen effizientes Obsoleszenz-Management. Reaktive und proaktive Maßnahmen sind gefordert, um aktueller und zukünftiger Obsoleszenz entgegenzuwirken

Im letzten Teil der Veranstaltung mit dem Titel Der Blick über den Tellerrand wurden die Teilnehmer von Dr. Schacht über das BV-Projekt SNIF informiert. Er erläuterte die Möglichkeiten der Recherche, die mit Hilfe semantischer Such- und Dokumenterschließungsmethoden zum Nutzen der Normenanwender erzielt werden können.

Zu guter Letzt beleuchtete Frank-Peter Doerksen, Bombardier Transportation, der für den erkrankten Jonathan Krude einsprang, das Anwachsen der Informationsflut und gab Ratschläge zu deren Bewältigung.

Einen detaillierten Bericht mit Zusammenfassungen der Vorträge finden Sie in der Dezember-Ausgabe 2015 oder Januar-Ausgabe 2016 der DIN-Mitteilungen.