Auf ein Wort: Normung und Bildung

Christoph Winterhalter zur Wichtigkeit von Normungswissen.

Christoph Winterhalter ist Vorsitzender des Vorstandes von DIN und Vizepräsident Politik der europäischen Normungsorganisation CEN.
© Götz Schleser

Um das Wissen über die Entstehung und den strategischen Einsatz von Normen und Richtlinien ist es bei unserem potenziellen Normungsnachwuchs schlecht bestellt: In einer gemeinsamen Untersuchung mit dem VDI an technischen Hochschulen in Deutschland haben wir herausgefunden, dass 83 Prozent der Studierenden nicht wissen, wie eine Norm entsteht.

In der Zusammenarbeit mit Start-ups und jungen Unternehmensgründern bekommen wir häufig direkt mit, dass sie meist wenig bis keine Vorstellung davon haben, wie Normen, Standards und Richtlinien ihnen und ihrem Business helfen. Zugleich sehen wir, dass von den vielen Absolventen, die aus den Transferzentren der Hochschulen heraus mit ihrer Idee durchstarten wollen, meist jene am erfolgreichsten sind, die ihre Arbeit ganz oder in Teilen zum Standard machen. Das sind häufig Gründer, die schon früh in ihrer Start-up-Phase die Normung bewusst als Katalysator nutzen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Geschwindigkeit zählt

Ich bin davon überzeugt, dass wir ohne das breite Wissen um die Entstehung und den strategischen Einsatz von Normen und Richtlinien in Deutschland sowohl Standortvorteile als auch unseren Innovationsvorsprung verspielen würden. Deshalb halte ich es für absolut notwendig, dass die technische Regelsetzung, zu der Normen, Standards und Richtlinien gehören, schnellstmöglich fester Bestandteil des Lehrplans technischer Studiengänge wird. Und zwar nicht erst morgen, sondern jetzt! Denn: Innovationen entstehen am laufenden Band und in immer kürzerer Zeit. Ob eine Idee erfolgreich ist, hängt heutzutage immer stärker davon ab, wie schnell sie den Markt durchdringt. Eine Technologie oder ein Produkt werden dann zum Kassenschlager, wenn sie das Vertrauen der Kunden für sich gewinnen können. Normen und Standards tragen dazu einen großen Teil bei. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Normen und Standards geben neuen Ideen den entscheidenden Rückenwind, damit sie sich auch in der Breite durchsetzen.

Wir Deutschen spielen auf dem internationalen Parkett nach wie vor unsere Stärken und unsere Erfahrung aus mehr als 100 Jahren Normungsarbeit aus. Die Welt schaut beim Thema Normung auf uns. Das macht mich stolz. Wir müssen aber aufpassen, dass uns engagierte Länder nicht den Rang ablaufen und wir dadurch leichtfertig Vorteile für unsere Wirtschaft verspielen.

China: Erfolg nach Plan

Ein Land, das wir nicht nur in dem Zusammenhang unbedingt im Auge behalten sollten, ist China. Made in China wird zunehmend zu einem ernstzunehmenden Qualitätsversprechen. Das Land der Mitte arbeitet schon seit einigen Jahren sehr planvoll daran, seine Marktposition in bestimmten Schlüsselbranchen auszubauen. Beispiele dafür sind Smart Cities, KI, Big Data und Industrie 4.0. Und – Achtung, Überraschung – China investiert massiv in Normung und Standardisierung. Die chinesische Regierung motiviert und unterstützt Wissenschaft und Unternehmen, sich an der Normung zu beteiligen.

Ich bin überzeugt: Wir können dem Wirtschaftsstandort Deutschland dauerhaft einen Platz in der ersten Reihe sichern. Ich glaube aber, dass sämtliche Innovationsförderprogramme, von der Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung bis zur Deutschen Normungsstrategie dafür nicht ausreichen werden, wenn der Standardisierungs-Community der Nachwuchs ausgeht.

Und, mindestens genauso wichtig: Mit dem fehlenden Nachwuchs geht unserer Gesellschaft mittel- bis langfristig auch wichtiges Wissen über die Gestaltungsmöglichkeiten unserer Demokratie und Gesellschaft verloren. Da geht es aus meiner Sicht auch um schützenswertes Kulturgut und um ein Stück deutsche Identität.

Die technische Regelsetzung braucht deshalb einen festen Platz in den Lehrplänen der Hochschulen. Wir möchten mit der Lehre gemeinsam die Chancen nutzen, die sich der deutschen Wirtschaft, der Forschung und der Gesellschaft durch ein starkes Normungssystem bieten.

Wir sehen die Ausbildung im Bereich der technischen Regelsetzung als unsere gesellschaftliche Aufgabe und gehen derzeit aktiv auf Hochschulen zu. Für uns ist selbstverständlich, bei der Erstellung von Lehrinhalten mit Materialien und Zugang zu Experten zu unterstützen. Da ziehen wir an einem Strang.