Ganz vorne dabei

Wann immer der Begriff Blockchain fällt, denken die meisten an Kryptowährung. Und klar, sie kann Plattformen transparent und sicher machen. Aber das ist zu kurz gesprungen. Deshalb bevorzugt Dr. André Kudra, CIO bei der esatus AG, den Überbegriff Distributed-Ledger-Technologien. Der wird der Vielfalt möglicher Anwendungen gerechter.

Dr. André Kudra ist Chief Information Officer (CIO) bei der esatus AG in Langen (Hessen).
© Katrin Binner

Gegründet vom heutigen CEO, Jürgen Eichhöfer, gilt bei der esatus AG, einem Mittelständler aus Langen in Hessen, bis heute die Unternehmensmission „Enforcing Information Security“. André Kudra: „Unser Anspruch war schon immer, IT transparent, manipulationssicher und revisionsfähig zu machen.“ Das probate Mittel zum Zweck ist die Distributed-Ledger-Technologie (DLT). DLT ist zwar durch Blockchain und Kryptowährungen bekannt geworden, doch dieser Anwendungsfall ist lediglich einer von vielen möglichen Szenarien, die denkbar sind. Derzeit im Fokus von Kudra und seinem Team: die vielfältigen Interaktionen in der Industrie 4.0. Wenn zig Sensoren und Aktoren Informationen austauschen, der Lieferabruf digital taktgenau an die Montagelinie erfolgt und die Kunden ebenfalls automatisch informiert werden, ist die Integrität, Verfügbarkeit und Vertraulichkeit in solchen Wertschöpfungsketten unabdingbar. Auch bei Predictive Maintenance (vorbeugende Wartung) und in Sachen Produktkonformität leistet DLT ganze Arbeit.

Was der Service wann gemacht hat, ist exakt nachvollziehbar und auch der kleinste Baustein eines Produktes ist detailliert dokumentiert. Distributed-Ledger-Technology ist im Wortsinn ein verteiltes Kassenbuch. Aber anders als zu Zeiten des mit Ärmelschonern ausgerüsteten Buchhalters ist DLT fälschungssicher. DLT baut darauf auf, dass die gespeicherten Transaktionen nicht zentral an einer Stelle liegen. Stattdessen werden identische Kopien des Kassenbuchs an alle Nutzer verteilt, die zu diesem Kassenbuch beitragen. Die Kopien werden laufend aktualisiert, sodass jeder Teilnehmer immer einen aktuellen Stand des Ledgers besitzt.

Als Experte aktiv

Weil André Kudra überzeugt ist, dass jede Technologie für alle transparent in einem Standard abgebildet werden muss, engagierte er sich bereits 2018 bei der Erarbeitung der heutigen DIN SPEC 3103 zu Blockchain und Distributed-Ledger-Technologien in Anwendungsszenarien für die Industrie 4.0. Der Standard wurde im Juni 2019 zur Konkretisierung und Erweiterung von Teilaspekten des ISO/TC 307 „Blockchain and distributed ledger technologies“ veröffentlicht. Auch in der internationalen Normungsarbeit ist Kudra seit 2017 als Experte aktiv. Er sagt: „Gremienarbeit bedeutet Austausch auf Augenhöhe mit anderen Experten, unabhängig von der Unternehmensgröße. Das gibt einem selbst viele Impulse für die eigene Arbeit.“ Das hat ihn inspiriert: „Die DIN SPEC ist eine tolle Errungenschaft für unsere Branche, da sie zur Schnittstellenkompatibilität beiträgt. Und für den Mittelstand eine gute Hilfestellung in dem Bereich ist.“ Mit einer DIN SPEC im Rücken können auch kleine und mittlere Unternehmen einen schnellen Marktzugang für ihre Innovationen erreichen. Und, so ergänzt Kudra für die esatus AG: „Unsere Kunden können sich immer darauf verlassen, dass wir durch unser Engagement in Normung und Standardisierung vorne mit dabei sind und Entwicklungen frühzeitig mitbekommen.“ Die DIN SPEC 3103 soll anhand von Anwendungsszenarien mögliche Einsatzgebiete und modulare Bausteine von Blockchain und Distributed-Ledger-Technologien in der Industrie 4.0 aufzeigen und Ablaufstrukturen sowie Schnittstellen zwischen Systemen beider Gebiete herleiten.

Die DLT-Engagements und -Veröffentlichungen der esatus AG haben positive Nebeneffekte. Die Lindner Group, ein weltweit führender Komplettanbieter für Innenausbauten, wurde aufmerksam und vereinbarte mit der esatus AG eine strategische Partnerschaft. Als Investor stellt Lindner für die Wachstumspläne von esatus einen siebenstelligen Betrag zum Ausbau des Geschäftsfelds dezentralisiertes Identitätsmanagement bereit, global bekannt als Self-Sovereign Identity (SSI) – siehe Kasten. Gleichzeitig verschmelzen zum Ende 2020 esatus AG und das Systemhaus CJe GmbH, ebenfalls von Jürgen Eichhöfer gegründet. Die gemeinsamen Aktivitäten werden dann in der esatus AG fortgeführt. André Kudra: „Das war ein logischer Schritt. esatus und CJe arbeiteten schon immer Hand in Hand, sie wurden praktisch wie ein Unternehmen mit Abteilungen geführt.“

Das erste gemeinsame Projekt mit Lindner ist ein SSI-basiertes Koordinationswerkzeug für die Projektabwicklung im Bau. Die Plattform soll den Zugang zur Baustelle unter gesicherter Einhaltung aller gesetzlichen Anforderungen revolutionieren. Ziel ist es, mit Hilfe neuester Technologien Prozesse erheblich zu beschleunigen, dabei die Durchgängigkeit aller Daten DSGVO-konform sicherzustellen und diese Erleichterungen der gesamten Bauindustrie zur Verfügung zu stellen.