„Normung und Wissenschaft sollten komplementär und eng vernetzt zusammenarbeiten“

Prof. Dr. Alexander Kurz ist Vorstand Innovation, Transfer und Verwertung der Fraunhofer-Gesellschaft. Im Interview erzählt er, warum Normen und Standards tief in der Wissenschaft verankert sein müssen.

Prof. Dr. Alexander Kurz möchte Normung als Transferkanal stärker im wissenschaftlichen Prozess verankern.
© Fraunhofer/ Markus Juergens

Herr Kurz, wenn es darum geht, das gewonnene Wissen aus der Forschung zu verbreiten, gibt es für Wissenschaftler*innen unterschiedliche Möglichkeiten. Welchen Stellenwert haben Normen und Standards in diesem Zusammenhang aus Ihrer Sicht? Bei welchen Themen eignen sie sich besonders gut?

Das Bewusstsein, welche Rolle Normen und Standards spielen, muss in Wissenschaftsprozessen inhärent sein – also mitgeforscht, mitgedacht und mitentwickelt werden. Denn: Normung und Wissenschaft müssen aus meiner Sicht komplementär und eng vernetzt zusammenarbeiten. Für die großen Themen wie autonomes Fahren, Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien und Wasserstoff sehe ich da große Vorteile. Normen und Standards verringern beispielsweise Komplexität, schaffen Einheitlichkeit und damit Marktkonformität und sie vermeiden volkswirtschaftliche Reibungsverluste. Wissenschaft hat einen Beitrag, nationale Volkswirtschaften in einem fairen Wettbewerb zu stärken. Denn wer den Standard hat, hat den Markt. So können wir uns gegen andere Volkswirtschaften und Regionen behaupten, auch wenn wir noch Nachholbedarf haben.

In einem Eckpunktepapier gibt die Fraunhofer-Gesellschaft Handlungsempfehlungen zur Nutzung von Normung und Standardisierung. Wie lauten die aus Ihrer Sicht wichtigsten drei?

Technologische Souveränität erfordert Standards und Normen. Daher haben diese eine große wirtschaftsstrategische Bedeutung. Erstens, Europa muss sich hier gegenüber den USA und China stärker positionieren. Setzen die USA über große Konzerne qua Marktmacht Standards, tut China dies über staatliche Vorgaben. Zum Zweiten muss die Entwicklung von Normen und Standards als förderfähig von der öffentlichen Hand mitgedacht werden und mit anderen förderfähigen Themen kombiniert werden. Ebenso wichtig ist drittens das Wissen über Normen und Standards. Wir benötigen mehr Normungsexpertinnen und-experten. Das ist nicht nur ein Thema während der Ausbildung oder des Studiums, sondern sollte uns im Sinne des lebenslangen Lernens während des gesamten Berufslebens begleiten.

Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) hat im Herbst 2021 ein Eckpunktepapier herausgegeben, in dem Normen und Standards erstmals als Transferinstrument der Wissenschaft genannt werden. War das ein aus Ihrer Sicht längst überfälliger Schritt?

Das war ein wichtiger und fälliger Schritt um Normung auf wirtschafts- und geopolitische Agenden zu setzen. Dabei geht es um eine qualitätsgetriebene Interessens‑vertretung, wir leisten also Lobbyarbeit im Dienste der Qualität und der Technologie. Oder anders formuliert: die Qualität von Standards braucht eine stärkere Gewichtung. Damit haben die Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Deutsche Forschungsgemeinschaft gemeinsam mit der Fraunhofer-Gesellschaft ein starkes Zeichen gesetzt, Normung als Transferkanal stärker im wissenschaftlichen Prozess zu verankern.

DIN und Fraunhofer arbeiten bereits eng zusammen und möchten ihre Zusammenarbeit in Zukunft weiter stärken. Welche Aufgaben sollten beide Organisationen aus Ihrer Sicht als Erstes gemeinsam angehen?

Wenn wir eine gute und systematische Aus- und Weiterbildung organisieren, dann wäre das ein Benchmark. Da haben wir Potenzial und ergänzen uns. Außerdem halte ich neben der bereits existierenden Mitwirkung in DIN-Arbeitskreisen eine gemeinsame Plattform, zum Beispiel für den Austausch zu Technologieentwicklungen für erforderlich, um im Vorfeld zu entstehenden Normen und Standards bereits zusammenzuarbeiten.

Wann sollten junge Ingenieur*innen aus Ihrer Sicht mit Normung und Standardisierung in Berührung kommen? Wie könnte eine Umsetzung aussehen?

Normen und Standards sollten in die Curricula aufgenommen werden – mehr, als sie es derzeit schon sind. Aus meiner Sicht sollte die Lehre den Blickwinkel des Anwenders und des Normengestalters stärker in den Vordergrund rücken, also praktisches Anwendungswissen vermitteln: Wie entstehen Normen, wie muss Technologieentwicklung mit Blick auf Normen angelegt sein? Das sollte eine Schlüssel- und gegebenenfalls Spezialqualifikation für Ingenieurinnen und Ingenieure sowie für Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sein.

Das Thema Klimawandel beschäftigt nicht nur Bürger*innen, sondern auch die Wirtschaft, Politik und auch die Wissenschaft. An welchen Themen arbeitet die Fraunhofer­Gesellschaft aktuell in Bezug auf den Klimawandel und konkret in Bezug auf Normen und Standards?

Wir sind an allen relevanten Themen intensiv beteiligt, die eine technologische Ableitung haben – auf Seiten der Energieerzeugung und der Energieeinsparung. Außer Kerntechnik haben wir ein breites, jedoch auch in die Tiefe gehendes Portfolio, zum Beispiel Photovoltaik, Wind, Geothermie, Wasserstoff sowie Technologieträger des Klimawandels. Dazu zählen Bauen, Batterieforschung mit starken Schwerpunkten beim Thema Energiewirtschaft, Integration von Energie, Verteilsysteme, IT-Systeme, Energieeinsparung, Kreislaufwirtschaft und Umwelt. Deshalb sind wir auch in den entsprechenden Regierungs- und Normungsgremien vertreten und flankieren die Themen durch entsprechende Studien.


Zur Person

Prof. Dr. rer. publ. ass. iur. Alexander Kurz ist Vorstand Innovation, Transfer und Verwertung sowie kommissarisch für Personal, Unternehmenskultur und Recht der Fraunhofer-Gesellschaft. Zudem ist er Honorarprofessor an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer.

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