Die Luft ist rein

© Rüdiger Nehmzow

Die Klima-Branche boomt, ein Ende ist nicht abzusehen. Forscher der University of Birmingham prognostizieren für das Jahr 2050, dass auf einen Menschen eine Klimaanlage kommt. Den heutigen Bestand schätzen die Engländer auf 3,5 Milliarden Geräte. Ein Zehntel des weltweiten Stromverbrauchs drückt sich durch die Kompressoren von Klimaanlagen; Weltmeister sind dabei die USA. Allein in New York kühlen mehr als sieben Millionen Geräte die Luft von Büros und Wohnblöcken auf manchmal frostige Temperaturen.

„Der Sommer ist in New York angekommen, das bedeutet, dass ich wieder einen Pulli im Büro anziehen muss“,

twitterte im Juli eine offensichtlich unterkühlte Amerikanerin. Gerade im US-Einzelhandel wie auch in Restaurants gilt Kälte als Statussymbol, der Schal als unverzichtbares Accessoire. Ganz anders in Europa. In Deutschland werden nach Angaben des Umweltbundesamtes nur zwei Prozent der Wohnräume und circa die Hälfte der Büro- und Verwaltungsgebäude gekühlt. Die Tendenz allerdings steigt – auch infolge des Klimawandels. 2018 freuten sich die Hersteller über 30 Prozent Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr.

Hitze kostet Leben

Dabei sind Kühlanlagen nicht nur ein Luxus, der den Aufenthalt in Gebäuden angenehmer gestaltet. Mancherorts sind sie überlebenswichtig: Eine Milliarde Menschen in Afrika und Asien sind von fehlenden Kühlketten bedroht. Fleisch, Fisch, Milch und andere Lebensmittel sind ohne künstliche Kälte oft nur wenige Stunden haltbar. Fehlen sie, haben Bauern und Fischer keine Chance zur Expansion, um über das Existenzminimum hinaus zu verdienen. Auch medizinische Produkte, allen voran Impfstoffe, müssen ununterbrochen gekühlt werden – eine Herkulesaufgabe für viele äquatornahe Länder. Nicht nur die Außentemperatur, auch die Umweltbedingungen stellen unterschiedliche Anforderungen an die Klimatisierung. Während wir in Europa Frischluft von außen zuführen, ist in Peking die Luftqualität im Gebäudeinneren besser. Ende März 2018 sank die Sichtweite in Chinas Hauptstadt auf ein paar hundert Meter, die Stadt rief zweimal den sogenannten orangenen Alarm aus. Zwischen draußen und drinnen befinden sich deshalb stets dicke Filtermatten.

Leiser als ein Vaterunser

Neben den äußeren Bedingungen verlangen unterschiedliche Gebäude unterschiedliche Vorgehensweisen. So sollte die Klimaanlage in einem Hotelzimmer höchstens leise säuseln, in einer Produktionshalle darf sie dagegen hörbar brummen. In einer Kirche müssen oft vorhandene Schächte eingebunden werden, im Discountermarkt zählen vor allem die Life Cycle Costs. Der Klimaspezialist Kampmann aus Lingen an der Ems ist auf solch unterschiedliche Aufgaben eingestellt. Die Bandbreite seiner Referenzen reicht von der kleinen romanischen Kirche St. Valentino in Castellarano bis hin zum Konsumtempel Mall of Berlin, vom Bahnhof Kitzbühel bis zum internationalen Flughafen Domodedowo in Moskau. Kampmann-Technologie sorgt aber auch im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund für coole Fans, klimatisiert Schloss Elmau und heizt dem Winterschlussverkauf im Woolworth-Markt in Bottrop ein – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dabei geht es nicht nur um eine angemessene Temperatur, sondern auch um Behaglichkeit. Und die kann man sogar messen und bewerten; die DIN EN ISO 7730 ermöglicht das. Diese Norm hat übrigens, wie viele andere auch, ihren Ursprung in einer deutschen Norm, der DIN 1946, Teil 2.

Klimatische Relativitätstheorie

Kampmann wirbt mit dem Slogan „Genau mein Klima“. Das ist eine komplexe Aufgabe. Zumal die Geschmäcker – sprich die Wärmerezeptoren auf der Haut – verschieden sind. „22 °C sind nicht 22 °C“, lautet dementsprechend der überraschende Einstiegskommentar von Hermann Ensink, Prokurist und Leiter Innovation & Technik bei Kampmann, womit er nicht nur Mathematiker verblüfft. „Wer im Winter einen mit 22 °C beheizten Raum betritt, wird ihn im ersten Moment als zu warm empfinden. Im Sommer dagegen erscheint die gleiche Temperatur als zu kalt – zumindest, wenn draußen Gluthitze herrscht. Der Unterschied zur Außentemperatur beträgt im besten Fall maximal 6 °C. Aber auch das ist variabel:
Menschen aus dem Mittleren Osten bevorzugen eher 26, Nordeuropäer 20 °C.“ Komplexe Klimaaufgaben erfordern komplexe Technologien. Dementsprechend umfasst das Produktportfolio von Kampmann klassische Klimasysteme, aber auch Klimageräte mit indirekter Verdunstungskühlung, die ohne klassische Kältemaschinen auskommen. Darüber hinaus aber auch Heizungen, Kaltwassererzeuger, Wärmepumpen, Konvektoren, Bodenkanalheizungen und Luftschleier. Letztere sorgen zum Beispiel dafür, dass in einer Wartungshalle am Flughafen die Kälte respektive die Wärme draußen bleiben. „Im Bereich Unterflursysteme sind wir Marktführer in Europa. Diese Systeme kommen vor allem in Büro- und Verwaltungsgebäuden zum Einsatz“, positioniert sich Ensink. „Wir sind nicht der billigste Anbieter. Aber überall, wo nicht der Preis, sondern das Klima entscheidet, kommen wir in die engere Wahl. Unsere Lösungen für Hotelzimmer sind zum Beispiel fast nicht zu hören. Noch leiser wäre aus.“ Damit das so bleibt, haben die Kampmänner in Lingen an der Ems vor zehn Jahren ein Forschungs- und Entwicklungscenter gebaut, das Ensink leitet. „Wir besitzen zwei moderne Labore, in denen wir gezielt forschen, optimieren und simulieren können. Denn wir liefern nicht nur Klimalösungen von der Stange, sondern schauen uns vor Ort die Gegebenheiten genau an. Ansaugung, die eigentliche Klimatisierung plus die Luftführung im Inneren, der Auslass und nicht zuletzt die Regelung – all das hat Auswirkungen auf das Klima im Gebäude. Zudem werden die Energiekosten immer wichtiger. Moderne Technologie hilft uns dabei, Lösungen zu realisieren, die unter dem Strich günstiger sind.“ Kampmann als Unternehmen und Ensink als Person engagieren sich auch für Normung. Nach seiner Motivation befragt, meint der Geschäftsleiter: „Als Marktführer fühlen wir uns verpflichtet. Wir möchten, dass alle Marktteilnehmer auf Basis von Normen über das Gleiche reden können und auch vergleichbar werden. Außerdem haben wir so den großen Vorteil, dass wir langfristig die Standards mitgestalten und nicht von neuen Vorgaben überrascht werden. Immerhin regelt ein ganzer Blumenstrauß an Normen, Gesetzen und Verordnungen die Klimatisierung. Eigentlich sind es zu viele und die Regelungen sind zu komplex. Die Installateure haben wir vor 20 Jahren verloren, die Planer vor zehn Jahren. Deshalb sehen wir es auch als unsere Aufgabe, mit praxisgerechten Informationen dem Markt zu helfen.“ Dazu bietet das Unternehmen parallel zu den Produkten ein breites Ausbildungsprogramm, den sogenannten Kampmann Kampus. Der Clou: Manche Termine finden nicht im internen Schulungszentrum statt, sondern auch schon mal in der Umkleidekabine eines Erstligisten oder in einem Theater. „Im Hotel kann es jeder. Aber wenn wir rausgehen, kriegen wir die Leute, die sonst nur ungern die Schulbank drücken.“

Die wohltemperierte Knackwurst

Seit 1983 engagiert sich Ensink bei DIN. Zuerst in nationalen Normenausschüssen, später auch in europäischen Normungsgremien. Sein letztes Projekt: die DIN 10505 „Lebensmittelhygiene – Lüftungseinrichtungen für Lebensmittelverkaufsstätten“. „Das ist eine spannende Aufgabe. Konkret geht es um die Abschirmung von Fleischtheken. Auf der Verkäuferseite muss immer ein leichter Überdruck herrschen, damit die Keime der Kunden nicht auf die Ware geraten. Wenn Sie darauf achten, werden Sie merken, dass Ihnen im Angesicht der Fleischfachverkäuferin immer ein ganz leichter Luftzug entgegenkommt. Dafür sitzen Hygieniker, Veterinäre, Lüftungs- und Filterexperten an einem Tisch – die Teamarbeit macht unser Engagement so interessant.“ Auf seine Erfahrungen mit DIN angesprochen, meint er: „DIN agiert als Moderator, stellt die Räume, sorgt dafür, dass die Regularien eingehalten werden, und schreibt letztlich die Norm. Für die letzte Aktualisierung der DIN 10505 haben wir nur zwei Ausschusssitzungen gebraucht. Manchmal allerdings dauert es deutlich länger.“

Ihr Ansprechpartner

DIN e. V.

Kristin Marquardt

Am DIN-Platz
Burggrafenstraße 6
10787 Berlin

Ansprechpartner kontaktieren