Bauen

Nachhaltigkeit und Digitalisierung bestimmen eine der ältesten Branchen der Welt.

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Von Hütten, Häusern, Wolkenkratzern, Flughäfen und ein paar Luftschlössern.

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FRÜHERES - Vorbau & Nachbau Ausblenden

Home sweet home

Die wichtigsten Schritte beim Bau eines Iglus: Zuerst mit einem Stock einen Kreis von ungefähr drei Metern Durchmesser ziehen. Danach mit einer Schnur möglichst große Blöcke aus ver­dichtetem Schnee schneiden und ringförmig anordnen. Bei der zweiten, dritten und vierten Lage die Schneesteine nicht kleiner machen, sonst wird die Decke zu dünn. Unbedingt darauf achten, dass die Neigung bis zur Spitze konstant bleibt, sonst droht der Einsturz. Eventuelle Lö­cher vor Sonnenuntergang ausstopfen – danach wird das Baumaterial rundum eishart.

Ganz anders der Bau eines Baumhauses: Hier ist zuerst einmal eine solide Struktur ge­fragt. Dazu benötigen Sie eine Wasserwaage, Seile und Schrauben – viele Schrauben. Noch wichtiger aber ist die Sicherheit der künftigen Besucher; die sind in aller Regel jung. Des­halb darf die Hauptplattform niemals höher als 2,5 Meter sein. Eine Strickleiter ist als Zugang ungeeignet, weil sie beim turbulenten Spiel eine Gefahrenquelle darstellt. Besser wäre eine Steigleiter und noch besser eine Holztreppe aus dem nächsten Baumarkt. Damit ist dann auch Ihre Haftpflichtversicherung einverstanden.

Woran man sieht, dass unterschiedliche Ge­bäude unterschiedliche Anleitungen benötigen. Das ist bei einer Villa versus einem Flughafen oder einem Bürotrakt versus einem Ferienhäus­chen nicht anders. Für all diese Bauten gibt es unterschiedliche Empfehlungen und Vorschrif­ten – sprich Normen. „Zu viele“, sagen die einen. „Zu viele Normen werden nur falsch angewandt“, die anderen. Die Wahrheit liegt in der Mitte des Dachbalkens.

Die Akteure und die Aufgabenverteilung beim Bauen haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht groß geändert: Der Architekt entwirft, In­genieure berechnen und der Maurer fügt Stein auf Stein. Auch die Baustoffe sind prinzipiell immer noch die gleichen: Beton zum Beispiel nutzten schon die alten Römer für die gewaltige Kuppel des Pantheons. Den letzten Versuchen, Baugeschichte neu zu schreiben, war aus un­terschiedlichen Gründen kein Erfolg beschieden. So können Roboter inzwischen zwar Autos ferti­gen, aber (noch) keine Häuser. Auf der Baustelle herrscht nach wie vor schweißtreibende Hand­arbeit. Würde die Automobilindustrie ähnlich archaisch produzieren, müsste ein Kleinwagen aus europäischer Produktion rund 100.000 Euro kosten. Auch der 3D-Druck brachte noch kei­nen Durchbruch und wird allenfalls in absoluten Ausnahmefällen genutzt, bei denen nicht auf Wirtschaftlichkeit geachtet werden muss.

DIGITALES - Im Trend Einblenden

Bytes zum Bauen

Zwei Trends bestimmen derzeit die Branche: Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Schon beim Bau kann die Basis für mehr Ökologie gelegt werden – zum Beispiel durch die Verwendung in­novativer Werkstoffe. Immerhin entweichen circa 20 Prozent aller weltweiten Treibhausgase dem Bausektor, knapp die Hälfte davon macht al­lein die Zementproduktion aus. Denn einerseits wird dabei viel Energie verbraucht, andererseits setzt dieser Prozess selbst Unmengen an CO2 frei. Moderne Herstellungsverfahren, bei denen Magnesiumsilikat den bisher üblichen Kalkstein ersetzt, werden diese CO2-Quelle trocken legen. Der Weg aus den Labors in die Zementmischer wird aber wohl noch ein Jahrzehnt dauern.

Vom zweiten Megatrend, der Digitalisierung, verspricht sich die Branche den lang ersehnten Quantensprung in puncto Produktivität und Wirt­schaftlichkeit. Die Erwartungen sind realistisch: Der Bundesverband BDI zum Beispiel prognos­tiziert durch Industrie-4.0-Technologien eine Produktivitätssteigerung von rund 30 Prozent. Vergleichbares kann auch für die Bauwirtschaft möglich sein. Damit das gelingt, müssen die Interessen aller an der „Wertschöpfungskette Bau“ Betei­ligten aufeinander abgestimmt werden. Eine Herausforderung, welche die Branche nur Hand in Hand mit den Bauausführenden bewältigen kann. Dabei ist eine gemeinsame digitale In­frastruktur hilfreich: Gewerke könnten damit gemeinsame Schnittstellen definieren und sich in Echtzeit absprechen. Und auch der einzel­ne Betrieb würde profitieren: Architekten kön­nen mit entsprechenden Programmen zum Beispiel den optimalen Fensterflächenanteil, die Beleuchtung und die Akustik berechnen, Klimatechniker unterschiedliche Belüftungssys­teme simulieren und Elektriker die Kabelwege und die Funkversorgung optimieren. Darüber hinaus hilft eine gemeinsame digitalisierte Bauakte allen Beteiligten, Planungs- und Ab­stimmungsfehler schon in frühen Stadien zu finden – bevor sie ins Geld gehen. Kostet die Behebung eines Mangels in der Planungsphase noch Faktor eins, kann sich der Aufwand auf der Baustelle schnell um ein Vielfaches erhöhen. Würden Großprojekte konsequent auf Basis ei­nes gemeinsamen digitalen Modells geplant, hätte das durchgehend einen positiven Effekt auf Kosten und Bauzeiten. Dann wären Roll-treppen ausreichend lang, würden Rohrstücke zusammenpassen und irgendjemand hätte auch die fehlende Datenverbindung zur Feuerwehr bemerkt. Um nur ein paar reale Beispiele zu nennen. 44 Milliarden Euro müssen in Deutsch­land als zusätzliche Baukosten für die Mängel­behebung investiert werden. Wir könnten also spürbar günstiger bauen, wenn Fehler keine Chance mehr hätten, die Baustelle zu errei­chen. Das bestätigt auch die aktuelle Studie „Normung – ein Faktor zur Eindämmung von Fehlerkosten“. Circa zwei Drittel der befragten 500 Bausachverständigen sahen die Ursache in den jeweiligen Bauschäden darin, dass Normen nicht korrekt angewendet wurden. Die Studie rechnet vor, dass durch die konsequente Ein­haltung von Normen die Fehlerkosten um mehr als die Hälfte auf 20 Milliarden Euro reduziert werden könnte.

BIM tut not

Die Digitalisierung im Bauwesen hat einen Namen: BIM. Building Information Modeling ähnelt dem Industrie-4.0-Ansatz und basiert auf der Digitalisierung aller Prozesse beziehungs­weise in diesem Fall aller Gewerke. Kernstück ist ein digitales 3D-Modell des geplanten Gebäu­des, in dem alle Informationen enthalten sind, um die Ausschreibung zu erstellen, das Bau­werk zu errichten und nach der Nutzungsdauer die eingesetzten Baustoffe wiederverwenden zu können. Auf dieses konsolidierte Datenmodell müssen alle Beteiligten zugreifen können – vom Architekten über den Elektro- und Wasserinstallateur bis hin zu Fliesenleger, Inneneinrichter und abschließend dem Recyclingunternehmen. Andere Länder, andere Vorschriften: In den USA wird schon seit 15 Jahren digital vorgebaut, in Finnland (2007) und Schweden (2010) ist BIM seit Jahren für öffentliche Bauvorhaben verpflich­tend vorgeschrieben. In Deutschland muss seit 2017 bei größeren Bauvorhaben der Einsatz von BIM zumindest geprüft werden.

Die DIN BIM Cloud

Inzwischen arbeitet gut ein Viertel der deutschen Baubetriebe zumindest in Teilbereichen mit BIM. Viele davon sind allerdings noch nicht so umfas­send mit ihren Kollegen vernetzt, dass wirkliche Synergieeffekte entstehen könnten. Hier kommt DIN ins Spiel: mit der DIN BIM Cloud. Diese Plattform fasst sämtliche Regeln in einer Daten­bank zusammen, auf die alle Beteiligten zugrei­fen können. Gemeinsam mit Experten, Unter­nehmen, Bauherren, der Politik und Forschung arbeitet DIN darüber hinaus an der Definition maschineninterpretierbarer Normen, Standards und Schnittstellen. Die DIN BIM Cloud beinhaltet ein umfangreiches Nachschlagewerk, das Fach­worte auch bild- bzw. modellunterstützt erklärt und eine VOB-gerechte – also herstellerneutrale Terminologie – beschreibt. Darüber hinaus ermöglicht die DIN BIM Cloud einen medien­bruchfreien Übergang in die herstellergebundene Errichterphase, wenn auch hierfür Standards geschaffen werden. Die einheitliche Terminolo­gie der DIN BIM Cloud unterstützt den standar­disierten Datenaustausch, so dass beispielswei­se die Softwareanwendungen von Statikern und Kostenplanern Informationen reibungsfrei aus­tauschen und verarbeiten können. Mehr noch: Die DIN BIM Cloud ist auch eine Community. In­nerhalb dieser Plattform können Anwender ohne großen Aufwand mitarbeiten und alle Inhalte beeinflussen bzw. ergänzen. Die Zukunft heißt partnerschaftlich zu befähigen.

Normen verbinden

Um im Bild zu bleiben: Mit der DIN BIM Cloud werden Normen zu Brücken. Bei sachgemä­ßer Anwendung verbinden sie beispielsweise Bauherren, Planer, Handwerker und Betreiber. Ungefähr 3.700 Normen regeln das Bauen hier­zulande. In der Schweiz sind es mehr, in den Niederlanden weniger. Wichtig ist aber nicht die Anzahl der Normen, sondern deren Qualität und Anwendung. Dafür hat DIN gemeinsam mit der Bauwirtschaft die „Normungsroadmap Bauwer­ke“ erstellt. Diese Roadmap dokumentiert die intensiven Diskussionen mit den Verbänden der Bauwirtschaft, der Bauprodukthersteller und der planenden Berufe sowie mit der Bundesre­gierung und den Ländern – aber auch mit den Anwendern der Normen. Dazu zählen insbeson­dere die Immobilien- und Wohnungswirtschaft sowie die privaten und öffentlichen Bauherren. Die Roadmap beschreibt damit die strategi­sche Ausrichtung der Normung im Bauwesen in den kommenden Jahren. Es geht um viel: Mit gut 2,5 Millionen Erwerbstätigen bietet das Baugewerbe mehr Arbeitsplätze als der Auto­mobil- plus Maschinenbausektor zusammen.

Neu-Bau

In Zukunft werden auf Baustellen immer neue Technologien Einzug halten. Zum Beispiel unterstützende Exoskelette und kollaborierende Roboter – und nicht zuletzt auch Drohnen. Diese können zum Beispiel den Baufortschritt we­sentlich schneller und exakter dokumentieren als Menschen. Sie helfen beim Aufspüren von Bauschäden oder überwachen via Wärmebild­kamera das Aushärten von Betonstrukturen. Die vom Fluggerät gesandten Daten sind BIM-kom­patibel und fließen in Echtzeit in das aktuelle Datenmodell. Der Bauleiter sieht an seinem Schreibtisch sofort, wo was wie passiert. In na­her Zukunft brauchen die Drohnen noch nicht einmal einen Piloten auf dem Boden. Sie holen sich einfach ihren Flugplan direkt aus BIM und fliegen vollautomatisch los.

NUMERISCHES - Zahlen Einblenden

5,19

Der schiefste Turm der Welt:  der Kirchturm von Suurhusen (Deutschland) mit 5,19 Grad Neigung, Pisa hat nur 4,19 Grad zu bieten.

Quelle: Wikipedia


837.000

Im Jahr 2018 arbeiteten in Deutschland im Jahresdurchschnitt 837.000 Personen im Bauhauptgewerbe – 25.000 mehr als im Jahr 2017.

Quelle: Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e. V.


245

Der Raupenkran Liebherr LR 13000 ist mit einer maximalen Höhe von 245 Metern der größte mobile Kran der Welt.

Quelle: Liebherr


127.000.000.000

Die Betriebe des Bauhauptgewerbes haben in Deutschland 2018 einen Umsatz von 127 Milliarden Euro erwirtschaftet, 11,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Quelle: Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e. V.


24.000.000.000

Durch eine konsequente Einhaltung von Normen ließen sich in Deutschland die Fehlerkosten im Bau jährlich um 24 Milliarden Euro reduzieren.

Quelle: Studie „Normung – ein Faktor zur Eindämmung von Fehlerkosten“


27,3

Die längste Sandburg der Welt stand am 12. Juni 2011 auf der Insel Rügen und war 90 Zentimeter hoch und 27,5 Kilometer lang.

Quelle: Wikipedia


91,8

Die Wohnfläche je Wohnung betrug 2017 in Deutschland im Durchschnitt 91,8 m² und lag damit um 0,8 % höher als im Jahr 2011.

Quelle: Umweltbundesamt


509

Ende 2018 kamen in Deutschland auf 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner 509 Wohnungen, das sind 14 mehr als im Jahr 2010.

Quelle: Statistisches Bundesamt

WÖRTLICHES - Mut, neue Wege einzuschlagen Einblenden

Serielles und modulares Bauen im Interview

Mit Blick auf den großen Bedarf an guten und bezahlbaren Wohnungen entdeckt die Immobilien- und Bauwirtschaft das serielle und modulare Bauen neu. Wir haben über diesen Trend mit Anne Katrin Bohle, Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, und Dr. Albert Dürr, DIN-Präsident und Bauunternehmer, gesprochen.

Frau Bohle, bei ihrer Antrittspressekonferenz im März haben Sie auf die Frage nach Ihren Prioritäten geantwortet: „Wohnungsbau, Wohnungsbau, Wohnungsbau“. Wie kann das serielle und modulare Bauen dazu beitragen?

Bohle: Es muss schnell, qualitativ hochwertig und kostengünstig gebaut werden. Serielles und mo­dulares Bauen entspricht diesen Anforderungen. Sicher ist es nicht für jedes Bauvorhaben, für jeden Standort, für jeden Bauherrn die richtige Lösung, aber in vielen Fällen lohnt es sich, da­rüber nachzudenken. Die Vorteile liegen auf der Hand, zum Beispiel deutlich schnellere Vergaben durch den Abschluss von Rahmenverträgen und kürzere Produktions- und Bauzeiten. Durch Vor­fertigung und Skaleneffekte können wir günstige Bau- und damit auch günstige Wohnungspreise erreichen. Die serielle Fertigung führt dazu, dass Unternehmen, die bisher nur im Gewerbebau tä­tig waren, in den Wohnungsbau mit einsteigen, das schafft zusätzliche Kapazitäten.

Wie genau funktioniert diese Art zu bauen?

Dr. Dürr: Modulares Bauen setzt auf gleiche, reproduzierbare Formen. Ein gutes Beispiel sind die Supermärkte der großen Discounter, die einem immer gleichen Aufbau folgen. Be­reits vor 100 Jahren hat das Bauhaus serielle Bauweisen umgesetzt. Heute gehen wir ganz ähnlich vor wie früher, nur gibt es eine größere Auswahl an Formen und Materialien. Beim modularen Bauen geht es keinesfalls um mo­notone Stadtquartiere oder gar eine Neuauflage des Plattenbaus. Im Gegenteil: Der heutige Modulbau ermöglicht eine hohe Gestaltungsfrei­heit und Individualität. Indem wir das Produkt sowie den Planungs- und Bauprozess ganz oder teilweise vereinheitlichen, können wir innerstäd­tische Gebiete schnell und günstig verdichten und Baulücken schließen. Dabei helfen uns Normen, die sich beispielsweise auf einzelne Bauteile und übergreifend durch die Summe der genormten Einzelteile auf Tragwerke, Fassaden aber auch auf ganze Bäder und Wohnmodule beziehen.

Sind Bauherren bereit, sich auf das serielle Bauen einzulassen? Hat die Wohnungswirtschaft das Potenzial erkannt?

Bohle: Eindeutig ja! Sehen Sie sich die Ergebnis­se des GdW-Rahmenvertrags an: Die Konzepte bieten eine enorme Bandbreite von Projekten und überzeugenden Lösungen. Warum also soll­te man diese Möglichkeit des Bauens außer Acht lassen? Wie wir aus der Wohnungswirtschaft hö­ren, sind bereits einige Projekte unterwegs. Aber alles, was neu ist, braucht seine Zeit. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir müssen deshalb den Willen stärken und vielleicht auch ein wenig den Mut, sich vom Mainstream abzuheben und neue Wege einzuschlagen.

Dr. Dürr: Hilfreich für Bauherren sind Praxisbei­spiele, die zeigen, wie attraktiv und individuell wir heute mit diesem Konzept bauen können. In der Region um Stuttgart hat ein Baupro­jekt aus Winnenden viel Aufmerksamkeit er­regt. Dort entstand im Herbst 2016 eine kleine Siedlung aus insgesamt 38 schlüsselfertigen Wohnmodulen. Die einzelnen Boxen sind so kompakt und leicht, dass sie mit dem Lkw trans­portiert werden konnten. Vier Monate nach der Baugenehmigung sind bereits die ersten Mie­ter eingezogen. Nach dem gleichen Konzept entsteht derzeit in Esslingen ein Wohnheim für Pflegekräfte.

Herr Dr. Dürr: Welche Erfahrungen haben Sie als Bauunternehmer mit dem Systembau gemacht?

Dr. Dürr: Wolff & Müller hat bereits in den 70er Jahren erfolgreich Fertighäuser gebaut. Seit einigen Jahren beschäftigen wir uns wieder intensiv mit dem Modulbau, weil er sehr gut zu unseren Schwerpunkten digitales und nachhal­tiges Bauen passt. Wir können die Module so ausstatten, dass sie kaum Energie verbrauchen oder gar selbst Energie produzieren. In puncto Umnutzung und Rückbau ist der Modulbau dem konventionellen Bauen sowieso überlegen.

Wie kann die Bauwirtschaft das serielle und modulare Bauen mit Unterstützung von DIN vorantreiben?

Bohle: Bislang habe ich nicht vernommen, dass aus Sicht der Bauwirtschaft zusätzliche Normen erforderlich sind. Die existierenden Vorgaben und Rahmenbedingungen ermöglichen schon heute seriell und modular errichtete Bauten. Aber wie heißt es so schön: Nichts ist so gut, dass es nicht verbessert werden könnte. Es gibt offensichtlich einen Zusammenhang zwischen dem seriellen Bauen und der fortschreitenden Digitalisierung im Bauwesen, die wir ebenfalls stark unterstüt­zen. Hier haben wir die gemeinsame Arbeit be­reits deutlich intensiviert. Lassen Sie mich als Beispiel die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen nehmen, kurz: VOB. Diese wird im Deutschen Vergabe- und Vertragsausschuss für Bauleistungen von der öffentlichen Hand gemeinsam mit der Bauwirtschaft und mit Un­terstützung von DIN entwickelt und fortwährend an geänderte Rahmenbedingungen angepasst: Die VOB enthält bereits heute die notwendigen Regelungen, um vergaberechtskonform seriell zu bauen, wie das GdW-Vorhaben ja gezeigt hat. Das gelingt allerdings nicht mit der, ich möchte mal sagen, „klassischen“ Vergabe. Auch wenn es einfacher ist, an Altbekanntem und Bewährtem festzuhalten, müssen Bauherren, Planer und Bauwirtschaft ihre Flexibilität zeigen und sich umstellen, wenn es um elementiertes Bauen geht. Ich bin sicher, dass das eine lösbare Auf­gabe ist. Falls im Rahmen der Evaluierung des GdW-Rahmenvertrags Optimierungsmöglichkei­ten bei bestehenden Regelungen, wie der VOB, erkennbar werden, greifen wir das auf, um auch in diesem Bereich das serielle und modulare Bauen weiter zu befördern.


MATERIELLES - Baustoffe für die Zukunft Einblenden

Daten sind das neue Baumaterial – und umgekehrt

Moderne Betonbauten überdauern circa 100 Jahre. Römische Betonbauten trotzen aber schon seit mehr als 2.000 Jahren nicht nur dem Zahn der Zeit, sondern inzwischen auch sechs starken historischen Erdbeben – und das ohne Bewehrungsstahl. Die Mischung macht’s: Im antiken Beton befinden sich unter ande­rem Vulkanasche und das Mineral Strätlingit. Moderne Labors versuchen die Rezeptur nach­zumischen. Denn Beton ist nicht gleich Beton, immer aber ein Gemisch aus Zement, Wasser, Gestein und verschiedenen Zusatzstoffen. Die Zusammensetzung und die Verarbeitung be­stimmen die endgültigen Materialeigenschaften. Diese reichen vom Spritzbeton zur Absicherung einer Straßenböschung über Unterwasserbeton bis hin zum feinen Estrichbeton. Die Flexibili­tät des Baustoffs ist Fluch und Segen zugleich. Segen, weil er fantastische Konstruktionen wie den Burj Khalifa in Dubai oder das Opernhaus in Sydney ermöglicht. Fluch, weil die Material-eigenschaften von zahlreichen Parametern beeinflusst werden. Bei 20 Zutaten ist deshalb die genaue Mischung wichtig.

Wenn Betoninnovationen zum Einsatz kommen sollen, müssen deshalb die Zusammensetzung und die Verarbeitung von Beton festgeschrieben werden. Forschungsprojekte dazu gibt es viele: Betonwände dienen bereits als Energiespeicher, manche bestehen im Kern aus wirtschaftlichem und nachhaltigem Holz und speziell beschich­tete Betonwände sind inzwischen immun gegen Graffiti. Beton kann sich inzwischen sogar selbst heilen: Dafür sorgen „eingegossene“ Bakterien-kulturen. Treten Mauerschäden auf, kommen die Bakterien mit Feuchtigkeit in Berührung und beginnen mit der Produktion von Kalkstein – Betonrisse schließen sich. Die grundlegenden Anforderungen für Beton sind europaweit klar definiert: Die DIN EN 206 beschreibt beispiels­weise Zusammensetzung, Mengenverhältnisse und Klasseneinteilungen.

Serienhelden

Verbindende Normen helfen Unternehmen, gewerkübergreifend eine alte Idee neu aufzu­greifen: serielles und modulares Bauen. Mit vorgefertigten Elementen in definierter Qua­lität kann schnell und wirtschaftlich dringend benötigter Wohnraum geschaffen werden. Das hat nichts mit dem berüchtigten Plattenbau zu tun – in heutigen Planungs- und Produktions­prozessen sind Pläne und Bauteile nahezu unbegrenzt und damit individuell skalierbar. Optisch stehen sie designten Architektenhäu­sern in nichts nach, wirtschaftlich betrachtet sind sie haushoch überlegen. Lesen Sie dazu auch das Interview mit Anne Katrin Bohle, Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, und Dr. Albert Dürr, DIN-Präsident und Bauunternehmer auf den Seiten 22 bis 24.

Wer baut die Zukunft?

Werden bald Roboter Häuser errichten und der Bauherr ein paar Tage später einziehen? Nein, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Zwar gibt es bereits riesige Roboterarme, die automatisch Ziegelsteine stapeln, und gigantische 3D-Dru­cker, die Mauerstrukturen produzieren. Diese Prototypen sind aber noch Jahre davon entfernt, sich auf einer realen Baustelle zu bewähren. Zu komplex sind die Prozesse, zu unterschiedlich die Gewerke, um den Workflow automatisie­ren zu können. Und deshalb wird der Bauherr auch in Zukunft auf seine Handwerker warten müssen. Momentan übrigens im Durchschnitt elf Wochen – so der Zentralverband des Deut­schen Handwerks. Noch einmal so lange dauert es dann bis zum Richtfest – wenn alle Gewerke reibungslos Hand in Hand arbeiten. Die meiste Zeit und Geduld aber braucht der Bauherr ganz am Anfang: Die Baugenehmigung kann je nach Bundesland und dem geplanten Gebäude meh­rere Monate auf sich warten lassen. Iglus sind übrigens davon ausgenommen, Baumhäuser auch – sofern sie kleiner als zehn Quadratmeter sind und keine Feuerstätte besitzen. Das dürfte auf die allermeisten zutreffen.