Circular Economy

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Circular Economy hat die Umstellung der Wertschöpfung zum Ziel – weg von der linearen Wegwerfgesellschaft hin zum zirkulären Modell.
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Im Kreis herum – Circular Economy kommt im Idealfall ohne Ressourcenverbrauch aus. Eine Utopie, die besser zur Realität wird.

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Circular Economy

01. Der Kreis ist stärker als die Gerade Ausblenden

Linearwirtschaft kennt nur Einweg – vom Rohstoff über das Produkt bis zum Abfall. Circular Economy kommt im Idealfall ohne Ressourcenverbrauch aus. Eine Utopie, die besser zur Realität wird. Sie hinterlassen Spuren. Unübersehbare Spuren. Sie kaufen jedes Jahr 37 Kilo Plastik, benutzen 24 Plastiktüten und nuckeln täglich an einem Plastikstrohhalm. Sie telefonieren mit einem Smartphone und lagern zwei alte in einer Schublade. Sie besitzen rund hundert Kleidungsstücke, von denen Sie die Hälfte nur ein- bis zweimal im Jahr tragen. Sie verbrauchen jede Woche einen Coffee-to-go-Becher und jeden Monat zwei Einwegrasierer. Und nicht zuletzt haben Sie 2019 ganze 455 kg Rohstoffe in den Mülleimer geworfen – also zumindest, wenn Sie Mustermann heißen.

02. Die Erde ist eine Scheibe Einblenden

Sie sind in guter Gesellschaft. Einer der größten Abfallproduzenten hierzulande ist der deutsche Wald. Auf knapp zwölf Millionen Hektar produzieren Eichen und Buchen jede Saison aufs Neue hoch spezialisierte Bauelemente für die Fotosynthese, den Nährstofftransport, für Kommunikation und Verteidigung. Diese komplexen Komponenten werden allerdings nur wenige Monate genutzt und dann einfach weg- beziehungsweise abgeworfen. In Summe macht das rund 56 Millionen Tonnen Laub, das jeden Herbst ausgemustert wird. Das entspricht ziemlich genau der Abfallmenge, die als Folge industrieller Prozesse hinter Werkstoren anfällt. Fast genauso viel Abfall verursachen noch einmal die privaten Verbraucher, welche rund 52 Millionen Tonnen in die Tonne drücken.

Wald, Industrie und private Haushalte verbrauchen damit de facto Rohstoffe in vergleichbaren Größenordnungen. Der feine Unterschied: Im Wald funktioniert das schon seit einigen Millionen Jahren ohne Probleme. Wir Menschen kommen dagegen schon nach gut hundert Jahren Industriegeschichte an unsere Grenzen. Besser gesagt: an die Grenzen des Gesamtsystems. Rohstoffe werden teurer, Müllberge wachsen in den Himmel, Risiken und Nebenwirkungen werden zunehmend unbeherrschbar. Was macht die Waldfabrik anders – und offensichtlich besser?

Die Antwort ist einfach: Bäume setzen im Gegensatz zum Menschen das Prinzip der zirkulären Wirtschaft perfekt um. Im Herbst jeden Jahres holt sich der Baum zuerst einmal die wertvollsten Inhaltsstoffe wie Chlorophyll und Zucker zurück und lagert sie ein. In Folge welkt das Blatt und fällt zu Boden. Hier dient es jetzt als Nahrung; die ersten Recyclingspezialisten wie Käfer und Schnecken beginnen mit der mechanischen Aufbereitung. Schwer verdauliche Bestandteilewerden in späteren Prozessschritten chemisch abgebaut – zum Beispiel in den Zellen von Pilzen und Bakterien. Den Humus, den alle zusammen erzeugen, lagern die Recycler in Wurzelnähe ab, wo die Primärrohstoffe wieder in den Kreislauf aufgenommen werden.

Damit wären schon die Grundzüge der Circular Economy umrissen: Sie basiert auf einer konsequent regenerativen Produktions-, Liefer- und Handelskette, die ohne den kontinuierlichen Verbrauch von Rohstoffen auskommt. Alle Materialien, Teile und Produkte werden ohne Qualitätsverlust in unterschiedlichen Prozessstufen aufgearbeitet und in wiederkehrenden Zyklen erneut und in gleichbleibender Qualität eingesetzt. Ein Kreislauf ersetzt das lineare Prinzip: Rohstoff–Produktion–Nutzung–Mülleimer.

Mist ist Gold

Das Prinzip ist überzeugend – warum nur hat es sich nicht auch im menschlichen Umfeld durchgesetzt? Die Antworten sind einfach: Wirtschaftlichkeit und Bequemlichkeit. Seit der ersten industriellen Revolution bis zur heutigen Industrie 4.0 sanken durch den Einsatz von Maschinen und immer ausgefeilteren Workflows die Produktionskosten auf ein überschaubares Minimum. Wegwerfen ist heute zumeist billiger als aufbereiten, Neues begehrenswerter als Altbewährtes. Modetrends und innovative Produktfeatures befeuern die Wegwerfgesellschaft. Aber nicht nur: Eine rasant wachsende Weltbevölkerung nagt ebenfalls an den Ressourcen des Planeten. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Mehr als ein Drittel der Erdoberfläche dient derzeit der Landwirtschaft und wird überwiegend von Großbetrieben zur Produktion von Fleisch, Sojabohnen und Palmöl bewirtschaftet. Deshalb ist es wichtig, für die Zukunft eine globale Perspektive einzunehmen. Wir sollten handeln. Nur wie?




03. Entwarnung? Einblenden

Zwischen Aktionismus und Lethargie: Die Reaktionen auf den Wandel von Wirtschaft, Ressourcen und Klima fielen und fallen höchst unterschiedlich aus. Schon 1798 rechnete der damals bekannte Forscher Robert Malthus vor, dass die englische Bevölkerung exponentiell, die Landwirtschaft aber nur arithmetisch wächst, was zwangsläufig zu einem raschen Weltuntergang führen muss. Knapp 200 Jahre später war im renommierten Magazin Life (in der Ausgabe vom Januar 1970) zu lesen, dass Wissenschaftler „solide experimentelle und theoretische Beweise dafür haben, dass in einem Jahrzehnt Stadtbewohner Gasmasken werden tragen müssen, um die Luftverschmutzung zu überleben“. Zwei Jahre später prognostizierte der Club of Rome die Grenzen des Wachstums und warnte vor fehlenden Ressourcen und explodierenden Rohstoff- und Energiekosten. Wie wir wissen, sollten diese Propheten nicht recht behalten, das von Ihnen vorhergesagte Ende fand nicht statt. Die globalen Ressourcen an Edelmetallen oder seltenen Erden reichen allesamt bis weit ins nächste Jahrhundert. Tendenz steigend. Mehr noch: Die EU hat in den letzten 30 Jahren den Ausstoß von Treibhausgasen um fast ein Viertel gesenkt. Vor 30 Jahren war das Baden in Flüssen und Seen aus Gesundheitsgründen vielerorts verboten, heutzutage bieten 85 Prozent der europäischen Badeseen laut EU-Jahresbericht ausgezeichnete Wasserqualität. Die Zahl der Eisbären hat in den vergangenen 50 Jahren wieder zugenommen, der Jakobshavn-Gletscher auf Grönland wächst seit 2019 wieder. Also Entwarnung?

Aufgeschoben ist nicht überlebt

Mitnichten. Robert Malthus und alle folgenden Untergangspropheten lagen nur deshalb falsch, weil sie die menschliche Einsicht und die Erfindungsgabe im Zuge überfälliger Wandelprozesse unterschätzt haben. Im Fall der altenglischen Landwirtschaft war es Guano-Dünger, der die Erträge schlagartig verbesserte. Und was der Club of Rome nicht auf dem Computerschirm hatte: Werden Rohstoffe knapp, lohnen alternative Abbauverfahren und -orte, was die Ressourcen automatisch wieder erhöht. Deshalb sollten wir nicht einzelnen Kassandra-Rufern folgen – sie aber in Summe ernst nehmen. Denn ihre Zahlen weisen alle in eine Richtung: Wir haben es hier mit neuen Herausforderungen zu tun, die einmal mehr grundlegende Wandelstrategien erfordern. Aktuell ist es nicht die Ressourcenknappheit, sondern vielmehr die Folgen der zunehmenden Verarbeitung von Rohstoffen, die sich auf Klima, Umwelt und Gesundheit aller Lebewesen auswirken.

Diesen Herausforderungen werden wir nicht durch noch mehr Mülltrennung oder den Verzicht auf Plastikstrohhalme gerecht. Es wird Zeit für einen ganzheitlich neuen Ansatz: für Circular Economy.

04. Es geht nicht ohne sie Einblenden

Aufgeschoben ist nicht überlebt

Mitnichten. Robert Malthus und alle folgenden Untergangspropheten lagen nur deshalb falsch, weil sie die menschliche Einsicht und die Erfindungsgabe im Zuge überfälliger Wandelprozesse unterschätzt haben. Im Fall der altenglischen Landwirtschaft war es Guano-Dünger, der die Erträge schlagartig verbesserte. Und was der Club of Rome nicht auf dem Computerschirm hatte: Werden Rohstoffe knapp, lohnen alternative Abbauverfahren und -orte, was die Ressourcen automatisch wieder erhöht. Deshalb sollten wir nicht einzelnen Kassandra-Rufern folgen – sie aber in Summe ernst nehmen. Denn ihre Zahlen weisen alle in eine Richtung: Wir haben es hier mit neuen Herausforderungen zu tun, die einmal mehr grundlegende Wandelstrategien erfordern. Aktuell ist es nicht die Ressourcenknappheit, sondern vielmehr die Folgen der zunehmenden Verarbeitung von Rohstoffen, die sich auf Klima, Umwelt und Gesundheit aller Lebewesen auswirken.

Diesen Herausforderungen werden wir nicht durch noch mehr Mülltrennung oder den Verzicht auf Plastikstrohhalme gerecht. Es wird Zeit für einen ganzheitlich neuen Ansatz: für Circular Economy.

Ändert sich das weltweite Verbraucherverhalten nicht, wird 2050 mehr Plastik in den Meeren schwimmen als Fische – prognostiziert der Bericht „The New Plastics Economy“ der Ellen MacArthur Foundation. Die globale Recyclingquote für Kunststoffe pendelt in den letzten Jahren zwischen 15 und 18 Prozent, in Deutschland finden nur sechs Prozent Rezyklat den Weg in die Spritzgussmaschinen. Bei den heutigen Ölpreisen ist es günstiger und vor allem unproblematischer, neues Rohmaterial aus Petroleum zu gewinnen. Und doch gibt es drei Treiber, die eine Umkehr vorbereiten: Erstens erfreuen sich nachhaltige Geschäftsmodelle steigender Beliebtheit. Es interessieren sich zunehmend auch industrielle Anbieter für ökologische Konzepte. Eigentlich Widersprüche in sich: Internationale Supermarktketten verkaufen regionale Produkte und Automarken denken über Mobilitätskonzepte jenseits von Privatfahrzeugen nach. Die zunehmende Digitalisierung unterstützt sie dabei und überwindet Unternehmens- und Landesgrenzen. Zweitens macht die Politik ordentlich Druck. Europa beispielsweise soll bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden – vor allem auf Basis einer Energiewende und strengerer Vorgaben für Verkehr und Logistik. Und drittens ist das Bewusstsein bei vielen Konsumenten inzwischen reif für den Wechsel von der linearen Wirtschaft zum zirkulären Modell. Aber wie funktioniert das?

05. Verbraucher haben die Macht, Unternehmen die Möglichkeiten Einblenden

Nachhaltiges Handeln ist nicht zwangsläufig mit Verzicht und Regression verbunden. Ganz im Gegenteil: Die Europäische Kommission schätzt, dass Circular-Economy-Strategien in den nächsten zehn Jahren Ersparnisse von 600 Milliarden Euro bringen. Manche Experten wie die Berater der Ellen MacArthur Foundation erwarten sogar 630 Milliarden Euro schon bis 2025. Auch wenn kein Konsens über die Summe besteht, sind sich doch alle einig: Circular Economy ist eine ebenso große Herausforderung wie auch Chance für Gesellschaft und Unternehmen.

Die ersten industriellen Pilotprojekte drehen inzwischen ihre Kreise. So möchte Adidas 2021 einen Turnschuh mit eigener Kreislaufwirtschaft vorstellen. Die Herzogenauracher wollen aufgetragene Schuhe einsammeln und immer wieder zu neuen Schuhen verarbeiten, was unter dem Strich den Materialeinsatz reduzieren soll. Daimler analysiert bereits seit Jahren den Produktlebenszyklus von Fahrzeugen und schreibt in Lastenheften wachsende Rezyklat-Quoten vor. Und Trigema bietet kompostierbare Kleidung wie T-Shirts, Hosen oder Baby-Lätzchen nach dem Cradle-to-Cradle-Ansatz an: Nach der Nutzung ist vor der Nutzung.

Diese Beispiele belegen aber auch, dass Kreislaufsysteme (noch) erheblich teurer sind als herkömmliche Produktionsstrukturen und aktuell bestenfalls als Insellösungen funktionieren beziehungsweise als Vorzeigeprojekte fungieren. Das wird sich mit zunehmender Akzeptanz und steigenden Kosten für Ressourcen und Umweltschutzauflagen ändern. Unternehmen könnten so neben der Unabhängigkeit von volatilen Rohstoffmärkten vor allem auch eine profilierende Wettbewerbsstellung gewinnen und der Abbau knapper Ressourcen muss nicht weiter vorangetrieben werden.

Was Unternehmer unternehmen können

Zentrales Element ist und bleibt das Produkt. Schon in der ersten Planungsphase muss das Produktdesign von Anfang an auf geschlossene Kreisläufe ausgerichtet werden. Das bedeutet konkret den Verzicht auf nicht wirtschaftlich und sortenrein trennbare Verbundwerkstoffe, sowie den Einsatz hochwertiger, umweltfreundlicher und gesundheitlich unbedenklicher Materialien und Produktionsverfahren, um die Lebensdauer des Gutes zu verlängern. Im einfachsten Fall wäre das ein T-Shirt aus ökologischer Baumwolle und biologisch abbaubaren Farbstoffen, welches nach Gebrauch kompostiert und anschließend als Dünger für Baumwollpflanzen verwendet wird. Komplexer kommt da beispielsweise ein Fahrzeug, bei dem viele Komponenten aufbereitet und wiederverwendet werden können – vom Akku bis zum Tacho. Das bedingt aber, dass die folgende Fahrzeuggeneration auch offen ist für solche Komponenten. Nur was wirklich verschlissen ist, wandert in die stoffliche Wiederverwertung.

Open-Source-Hardware legt ähnlich wie im Softwarebereich Konstruktion und Reparaturmöglichkeiten offen, um Dritten den Zugang in die zirkuläre Wirtschaft zu erleichtern. Das können zum Beispiel freie Werkstätten sein, die sich auf die Reparatur von Geräten, Maschinen und Fahrzeugen konzentrieren. Oder Anbieter, welche die Akkus aus Elektrofahrzeugen aufbereiten und als Speicherelemente weiterverkaufen.

Auf diese Weise kommen zum Beispiel alte Autoreifen als neue Schuhsohlen wieder auf die Straße. Solche Kreisläufe bedingen einen vorausschauend geplanten Ressourceneinsatz, der alle weiteren Verwendungsmöglichkeiten von Anfang an berücksichtigt.

Remanufacturing ist ein weiteres Instrument der Circular Economy – die Aufbereitung eines Flugzeuges oder Fahrzeuges, eines Kühlschranks oder eines Handys. Dabei werden nur veraltete Funktionseinheiten ausgetauscht, das Äußere poliert und das Produkt wiederverkauft. Denkt man diesen Ansatz weiter, verändert sich auch das Geschäftsmodell des Herstellers, der zum lebenslangen Systemlieferanten wird. Er bleibt so Besitzer des Produktes und hat ein vitales Interesse daran, das Produkt kreislauffähig herzustellen. Der Wäschetrockner bleibt in seinem Besitz, der Nutzer kauft quasi trockene Luft, hat aber jederzeit die Möglichkeit, defekte oder veraltete Modelle auszutauschen.


06. Politik und Planet B Einblenden

Bislang sind globales Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch eng gekoppelt. Dabei entnimmt der Mensch aktuell mehr, als die Natur wiederherstellen kann. 2019 war der sogenannte Erdüberlastungstag am 29. Juli fällig. An diesem Tag hat die Menschheit die natürlichen Ressourcen der Erde für ein Jahr rechnerisch aufgebraucht. 1970 fiel er noch auf den 29. Dezember. Nur auf Deutschland bezogen, war der Trauertag schon am 3. Mai. Wir leben und wirtschaften im Moment, als hätten wir mehr als zwei Erden zur Verfügung. Das kann langfristig nicht gut gehen. Zumal der Verbrauch der endlichen Ressourcen untrennbar mit – sagen wir einmal Turbulenzen – für Umwelt, Klima und Menschen verbunden ist.

Der Übergang zur Circular Economy kostet Zeit, Geld und Geduld. Damit die neuen Geschäftsmodelle funktionieren, müssen zuerst einmal entsprechende Logistikstrukturen aufgebaut werden – zum Beispiel, um alte Geräte abholen und ersetzen zu können. Dazu kommt das Marketing für die Bekanntmachung der angebotenen Produkte und Services. Und nicht zuletzt muss sich der Verbraucher auf die neuen Kreisläufe einlassen – mithin seine Gewohnheiten und Prioritäten ändern. Circular Economy braucht deshalb auch weitsichtige Manager, die den Mut für Investitionen aufbringen, die sich vielleicht erst mittel- oder langfristig auszahlen. Es ist die Aufgabe von Politik, Forschung und Gesellschaft, für diese Unternehmer einen wirtschaftlich attraktiven Rahmen zu schaffen. Erfahrungsgemäß wird der Kreislauf aus geringem Angebot und daraus resultierend aus geringer Nachfrage erst dann durchbrochen, wenn gewinnbringende Mengen an Rohstoff zur Verfügung stehen und die Politik Anreize schafft bzw. sogar Quoten vorgibt. Das funktioniert, wie das Beispiel Altglas belegt: Erst 1974 wurden in Deutschland flächendeckend Sammelcontainer eingeführt. Seither schnellte die „Behälterglasverwertung“ auf aktuell 87 Prozent hoch. Die Verpackungsverordnung fordert 75 Prozent – nur wenige gesetzliche Quoten werden so deutlich übertroffen.

Die Branche zeigt aber auch, wie wichtig das Zusammenspiel aller Marktteilnehmer ist. Der Verbraucher sollte leere Flaschen möglichst sortenrein einwerfen – schon ein einziges bleihaltiges Kristallglas kann die nachfolgenden Prozesse beeinträchtigen. Die Industrie muss komplexe Logistikstrukturen aufbauen, die Forschung geeignete Recycling-Verfahren entwickeln. Flaschenhersteller wiederum müssen sich auf die Verwendung von Altglasscherben vorbereiten. Das bedeutet: Schwankungen beim Materialeingang ausgleichen – ein Horrorszenario für jeden Produktionsleiter. Wie eigensinnig der Markt auf einzelne Parameter reagiert, zeigt die Einführung des Glaspfandes. Pfand sollte eigentlich die Recyclingquote erhöhen, die Hersteller wichen aber von Einwegflaschen auf billigere PET-Behälter aus. Im Discounter ist das Bier deshalb jetzt in Plastik gefasst, die Altglasmenge sank, Recyclinganlagen sind nicht mehr ausgelastet. Auch der Einsatz von Plastiketiketten erschwert das Recycling. Papier zerfällt bei der Aufbereitung, farbenfrohe Folie nicht.

Wo steht das, bitte?

Wo viele Schnittstellen aufeinanderprallen, müssen Wirtschaft, Wissenschaft, öffentliche Hand und Verbraucher auf Basis einheitlicher Vorgaben und Standards den Markt regeln, sonst finden die einzelnen Teile des Kreises nicht zusammen. Einen ersten Versuch startete die Europäische Kommission 2015 mit dem Projekt „Den Kreislauf schließen – ein Aktionsplan der EU für die Circular Economy“. 650 Millionen Euro ergossen sich über die Schwerpunkte Klimaschutz, Umwelt, Ressourceneffizienz und Rohstoffe – mit eher mäßigem Erfolg. Als Gründe wurden in der Nachschau vor allem fehlende Kennzahlen, Quoten und Regelungen ausgemacht. Mit anderen Worten: Verbindlichkeit.

Aktuell wird genau hier nachjustiert: Bis 2050 soll Europa klimaneutral werden, bis 2030 schon einmal 50 Prozent CO2 eingespart werden (im Vergleich zu 1990). Bis 2025 soll europaweit eine Million Ladestationen für E-Autos errichtet werden, der Emissionshandel auch für die Schifffahrtsbranche gelten und eine Kerosinsteuer den Flugverkehr eindämmen. Das sind viele „Solls“ – die Politik ringt noch mit Ländern, Verbänden und NGOs. Über die möglichen Konsequenzen spekuliert indes der VDMA, der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut ISI. Die Studie „Circular Economy 4.0“ (2019) entwirft vier verschiedene Zukunftsbilder.

Im pessimistischen Szenario „Dinosaurier-Denken“ kommt das Thema Circular Economy weder in der Gesellschaft noch in der Politik oder in den Märkten an. Die Studie prognostiziert in diesem Fall auf lange Sicht Energie- und Rohstoffknappheit. Dessen ungeachtet werden viele Player am Markt Teilbereiche bedienen und dies als Allheilmittel anbieten. Das alles verdeckt laut den Autoren aber nur den Blick auf lediglich aufgeschobene Probleme, die – zwar verzögert – auf den Menschen zukommen. Dagegen beschreibt das positive Szenario „Ökonomie und Ökologie Hand in Hand“ den Weg zur Circular Economy. Notwendige Bausteine dafür sehen die Autoren in omnipräsenten Kooperationen entlang der Supply Chain, im Einsatz Künstlicher Intelligenz für Industrie-4.0-basierte Produktions- und Recyclingverfahren – und nicht zuletzt in der gezielten Forderung der Verbraucher nach kreislauffähigen Produkten, die den Ressourcenverbrauch gegen null bringen. Zwischen Dinosauriern und einer ökologisch sauberen Zukunft sehen die Verfasser zwei weitere Möglichkeiten: Beim „Staatliche Impulse“-Szenario wird die Circular Economy vor allem durch staatlich initiierte Rahmenbedingungen gefördert. Im Zukunftsentwurf „Gesellschaft macht Druck“ wird die Circular Economy von der Nachfrageseite eingefordert – zum Beispiel durch die Forderung nach modularisierten und recyclingfähigen Produkten. Der Staat reagiert in diesem Falle nur zögerlich.

Die Wahrheit liegt vielleicht in der Mitte aller vier Kreise.

07. Ein Kreis besteht aus vielen Punkten Einblenden

Während Politiker noch über Visionen und Zielvorgaben theoretisieren, sind die Marktakteure schon zwei Schritte weiter und arbeiten auf Praxisebene an gemeinsamen Normen und Standards: zum Beispiel an einheitlichen Formulierungen und standardisierten Schnittstellen. Diese Akteure kommen von unterschiedlichsten Ebenen: zum Beispiel aus Unternehmen und der Politik, aus der Wissenschaft und Forschung und aus Verbraucherverbänden. DIN übernimmt dabei eine moderierende Funktion und unterstützt transparente Kommunikationsstrukturen.

Dabei spielen Normen und Standards eine zentrale Rolle. Sie tragen dazu bei, Terminologie und Schnittstellen zu vereinheitlichen. Damit wird ein transparenter Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Marktakteuren sichergestellt, beispielsweise durch Anforderungen an recyclingfähige Produkte sowie die eindeutige Materialklassifizierung für Hersteller und Recycler. Normen und Standards sind darüber hinaus auch die Voraussetzung für eine breite gesellschaftliche Akzeptanz von zirkulären Produkten. Und diese Akzeptanz bildet wiederum den Grundstein für erfolgreiche zirkuläre Angebote.

Um die nationale Meinung zum zirkulären Wirtschaften auch auf europäischer und internationaler Ebene einzubringen, vertritt DIN diese bei CEN und ISO. Die Bandbreite reicht dabei von der DIN EN 45552 „Allgemeines Verfahren zur Bewertung der Funktionsbeständigkeit energieverbrauchsrelevanter Produkte“ über die DIN EN 45555 „Allgemeines Verfahren zur Bewertung der Recyclingfähigkeit und Verwertbarkeit energieverbrauchsrelevanter Produkte“ bis hin zur DIN EN 45558 „Allgemeines Verfahren zur Deklaration der Verwendung kritischer Rohstoffe in energieverbrauchsrelevanten Produkten“.

Das Thema Circular Economy wird bereits in unterschiedlichen Gremien unter Moderation von DIN diskutiert. Übergeordnetes Gremium ist dabei der Arbeitskreis NA 172-00-14-01 AK „Circular Economy“ im DIN-Normenausschuss Grundlagen des Umweltschutzes (NAGUS). Er befasst sich unter anderem mit unterschiedlichen Geschäftsmodell- und Terminologienormen. Das Gremium wirkt darüber hinaus als deutscher Spiegelausschuss des internationalen Technischen Komitees ISO/TC 323 „Kreislaufwirtschaft“. Der Arbeitskreis dient der Meinungsbildung und Normerarbeitung. Interessierte sind herzlich eingeladen, sich beim Thema Circular Economy bei DIN einzubringen. Ihr Ansprechpartner bei DIN ist Benjamin Hein.