2022-02-17

Zukunftstrend Smart Farming - Umsetzung des Koalitionsvertrags in die Praxis

Rückblick auf die Parlamentarische Frühstücksreihe „DINalog“ am 17.02.2022

DINalog Smart Farming: Moderatorin Sibylle Gabler, DIN, mit den Rednern Alexander Piutti, SPRK, und Johannes Lehmann, DIN

Der aktuelle Koalitionsvertrag unterstreicht die Bedeutung einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Besondere Bedeutung kommen hierbei der Digitalisierung und Smart Farming zu, dem modernen Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien in der Landwirtschaft. Welche Handlungsbedarfe ergeben sich dazu aus dem Koalitionsvertrag? Wie lässt sich das Vertrauen der Akteure in den notwendigen Transformationsprozess gewinnen? Und welchen Beitrag können Standardisierungsprojekte leisten?

Diese Fragen standen am 17.02.2022 im Zentrum des ersten parlamentarischen „DINalogs“ des Jahres, bei dem sich DIN unter Moderation von Sibylle Gabler, Leiterin Regierungsbeziehungen bei DIN, regelmäßig mit Mitgliedern des Deutschen Bundestags und deren Mitarbeitenden austauscht, um Anregungen aus der Politik in die Welt der Normung mitzunehmen.

Mittels KI Lebensmittel retten

So trägt Alexander Piutti, Founder & CEO von SPRK.global GmbH, mittels eines daten- und KI-gesteuerten Technologieansatzes zur Beseitigung von Lebensmittelverlusten in der Lieferkette bei, und damit zum Schutz der globalen Ressourcen sowie zur Vermeidung unnötiger CO2-Emissionen. Mit seinem derzeit 25-köpfigen Team betreibt er seit rund zwei Jahren eine globale Handelsplattform, um überschüssige Lebensmittel umzuverteilen. „Beteiligte der Lieferkette melden dorthin Überhänge, die dann zu einem vergünstigten Preis etwa an gemeinnützige Organisationen wie die Tafeln gehen oder alternativ in andere Produkte wie Säfte oder Marmeladen weiterverarbeitet werden“, erklärt Piutti. „Auf diese Weise konnten wir bereits 400.000 Tonnen Lebensmittel retten.“ Und der Erfolg gibt Piutti recht: Mit seiner Idee ist er Sieger des weltweit größten Technologie-Wettbewerbs zur Lösung globaler Probleme geworden, der XTC Extreme Tech Challenge (smart cities) 2020.

Langfristig soll die intelligente Software von SPRK Überschüsse in der gesamten Lieferkette vermeiden, also sowohl bei Produktion und Import, als auch bei der Weiterverarbeitung sowie im Groß- und Einzelhandel. Denn rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel werden allein in Deutschland pro Jahr entsorgt. Weltweit sind es rund 2,5 Milliarden Tonnen pro Jahr, was Schätzungen zufolge die unnötige Emission von zehn Prozent der weltweit ausgestoßenen Treibhausgase bedeutet.



„Standards sind der Enabler“

Für SPRKs Erfolg sind Technologiepartnerschaften unverzichtbar, z. B. für den Einsatz von KI als Mittel zur automatischen Abstimmung von Angebot und Nachfrage, der Erkennung von Mustern und zur Vorhersage von Überangeboten. Darüber hinaus gilt es, hunderte von Akteur*innen der gesamten Lebensmittelversorgungskette auf die SPRK-Plattform zu integrieren.

Hier kommt auch DIN ins Spiel. „Die Normung ist für uns sehr wichtig, z. B. für Datenschnittstellen, Standardprotokolle oder Zertifikate, aber auch für Rückverfolgbarkeit und Zustandsbeschreibungen“, erläutert Piutti. „Wir sind Ideengeber, aber wir brauchen Partner wie DIN: Standards sind der Enabler.“ Denn Standards helfen innovativen Lösungen zur Marktfähigkeit.

„Für ein interoperables System bedarf es standardisierter Schnittstellen und Datenformate“, bestätigt auch Johannes Lehmann, Leiter Geschäftsfeldentwicklung Smart Farming bei DIN. Normung unterstützt dabei, dass moderne Informationstechnologie in die Anwendung kommt. Denn mangelnde Kompatibilität von Software und fehlende Standardisierung von Schnittstellen führen zu mangelndem Vertrauen in Technik.


Smart Farming goes international

„Smart Farming ist die Optimierung und Effizienzsteigerung der Lebensmittelproduktion durch datengestützte Entscheidungsfindung“, so Lehmann. Er erläutert den Abgeordneten, wie die Normung dabei unterstützen kann, um die gesetzten Nachhaltigkeits- und Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen, so u. a. auch im Bereich Tierwohl und bei Agri-Photovoltaik-Anlagen. Für die Politik werde es durch Bezug auf Normen und Standards einfacher, sich auf Kriterien für z. B. Subventionen festzulegen und dadurch Themen schneller im Markt zu verankern.

Im Rahmen der von DIN mitgeleiteten „Strategy Advisory Group Smart Farming“ der internationalen Normungsorganisation ISO (ISO SAG Smart Farming) wird aktuell eine „Internationale Normungsroadmap Smart Farming“ erarbeitet. Sie soll eine Beschreibung der Standardisierungslandschaft über die gesamte Lebensmittelwertschöpfungskette und in Bezug auf die Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen geben. Zugleich sollen damit Standardisierungsbedarfs identifiziert und Handlungsempfehlungen für Standardisierungsaktivitäten ausgesprochen werden. „Aus Deutschland heraus treiben wir die Themen international voran und stärken so unsere Position als Wirtschafts- und Exportnation. Dies trägt gleichzeitig zu Vertrauen und Sicherheit bei“, erläutert Lehmann.


Schulterschluss mit der Politik

Frankreich hat 2015 ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung beschlossen, berichtet Piutti. Viele EU-Länder seinem dem Beispiel gefolgt, Deutschland jedoch nicht. Unterstützung von der Politik wünscht er sich daher vor allem hinsichtlich des rechtlichen Rahmens, um von einer optionalen Berichterstattung zu einer Berichterstattungspflicht überzugehen: „So kann eine Identifizierung von relevanten Überschüssen vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums erfolgen“, erläutert er. Darüber hinaus gelte es, die Bemühungen um eine zirkuläre Wirtschaft grundsätzlich zu beschleunigen. „Dafür braucht es einen Schulterschluss aller Beteiligten, um Innovationen rasch skalieren zu lassen und das Problem nicht unseren Kindern zu vererben“, appelliert Piutti.

Der kurzweilige Austausch mit den Abgeordneten endet mit dem Aufruf, den öffentlichen und konsensorientierten Prozess der Normung zu nutzen, um Akzeptanz und Marktdurchdringung von digitalen Lösungen zu schaffen und so die Ziele des Koalitionsvertrages im Bereich Smart Farming zu erreichen. Die Normung steht dabei allen Interessenten, so auch aus Politik und der öffentlichen Hand, zur Mitgestaltung von Zukunftsthemen offen.