2022-11-14

„Wer die Norm macht, hat den Markt!“ - Erfolgreicher Technologietransfer durch Normen und Standards

Rückblick auf die Online-Diskussion am 09.11.2022

Foto: Pixabay

Schnellere und komplexere Innovationsprozesse sowie die digitale und grüne Transformation stellen das Innovationsumfeld und dessen Akteur*innen vor vielfältige Herausforderungen. Zur Stärkung des Transfers von der Forschung in marktfähige Lösungen hat die Bundesregierung sich daher weitreichende Ziele gesetzt. Wie kann guten Ideen zeitnah Zugang zu den Weltmärkten ermöglicht werden? Und wie können Normen und Standards hierbei unterstützen? Diese Fragen standen am 09.11.2022 im Zentrum der Online-Diskussion von DIN und DKE in Kooperation mit der Fraunhofer-Gesellschaft.

Ein Grußwort aus der Politik übermittelte Ye-One Rhie MdB SPD, Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung sowie Berichterstatterin ihrer Partei für die Normung. Sie unterstrich in Ihrem Beitrag die bedeutende Rolle der Normung für Innovation und Technologietransfer. Rhie betonte die Dringlichkeit, mit der die Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung vorangebracht werden müsse. Der Klimawandel fordere ebenfalls konzertiertes Handeln, um Ökobilanzierung auch international vergleichbar zu gestalten. Die Normung spiele in beiden Feldern eine Schlüsselrolle, was auch von der Ampelkoalition erkannt wurde. Diese werde sich an den Fortschritten an der Schnittstelle von Normung und Innovation messen lassen.


Marktzugang durch Technologietransfer

Inwieweit durch erfolgreichen Technologietransfer der Marktzugang für Innovationen erleichtert werden kann, diskutierten im ersten Panel des Tages Dr. Sophie Hippmann, Direktorin für Mittelstandslösungen, Fraunhofer-Gesellschaft, Thomas Jarzombek, MdB, Mitglied und Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung und Mitglied im Digital-Ausschuss des Deutschen Bundestages, sowie Prof. Dr.-Ing. Thomas Linner, Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg und Geschäftsführer der CREDO Robotics GmbH.

Jarzombek betonte, wie bedeutsam die effiziente und frühzeitige Verzahnung von Forschung und Entwicklung mit Unternehmen und Start-Ups für den Wirtschaftsstandort Deutschland sei. Normungsarbeit müsse beim Technologietransfer möglichst früh eine Rolle spielen, eine Überzeugung, die von Prof.-Dr.-Ing. Linner und Dr. Hippmann auf geteilte Zustimmung stieß. In Anbetracht des geopolitischen Wettbewerbs um Zukunftstechnologien täte die Europäische Unternehmerschaft gut daran, die Normungsarbeit stärker als strategisches Instrument der Innovationsförderung zu begreifen und mit entsprechenden Ressourcen auszustatten.

Linner sah die Schnittstelle von Forschung und Industrie in Deutschland im internationalen Vergleich gut ausgebaut. Er verwies auf die Notwendigkeit, den Unternehmergeist in der Forschung zu stärken und Menschen auszubilden, die in der Lage sind, ihre Kenntnisse sowohl in der Forschung als auch in der Industrie anzuwenden. Insbesondere betonte er, dass die Forschung als Bestandteil der gesamten Wertschöpfungskette gesehen werden muss.

Hippmann fügte an, dass auch einzelne Forschungsvorhaben die Verzahnung untereinander verstärken müssten, um eine größere Schlagkraft zu erzielen. Normung, bereits in der Konzeptphase mitbedacht, könne als wichtiges Bindeglied fungieren und dazu dienen, dass Themen nicht parallel entwickelt werden.


Normung als Enabler des Projektgeschäfts

Wie die Normung das Projektgeschäft unterstützen kann, diskutierten im zweiten Panel des Tages Dr. Thomas Kathöfer, AiF Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“ e.V., Dr. Petra König, Leiterin Gründungs-, Transfer- und Innovationsförderung, PTJ Projektträger Jülich, sowie Dr.-Ing. Karl-Friedrich Ziegahn, KIT Karlsruher Institut für Technologie, Vorsitzender des Präsidialausschusses SO-FIE.

Die Panelisten beleuchteten die deutsche und europäische Förderlandschaft in Hinblick auf die Einbeziehung von Normungsaktivitäten. Dr. Petra König bescheinigte ein großes Interesse an der Normungsförderung im Rahmen des BMWK-Programms „Wissens- und Technologietransfer durch Patente und Normen“ (WIPANO) und sah diesen Bereich künftig wachsen. Gleichzeitig würde der Druck steigen, schon früh junge Wissenschaftler*innen und angehende Ingenieur*innen mit der Normungsarbeit vertraut zu machen.

Kathöfer sah in den BMWK-Programmen „Industrielle Gemeinschaftsforschung“ (IGF) und „Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand“ (ZIM) Potenziale, die Normung stärker in den Fokus zu rücken. Eine engere Verzahnung der Programme IGF und WIPANO könne auch die damit zusammenhängende Normungsarbeit stärken. 

Ziegahn bewertete die Maßnahmen des „standardization booster“ und das Programm „Horizon Europe“ der Europäischen Kommission als essenziell, um das Bewusstsein für die Bedeutung der Standardsetzung bei Europäischen Stakeholdern zu schärfen.

Großen Bedarf an Weiterentwicklung sahen alle Diskutanten in der Ausbildung von Nachwuchskräften. Ingenieurwissenschaftliche oder elektrotechnische Studiengänge würden noch unzureichend auf die Normung und die Normenarbeit eingehen.


Strategischer Schulterschluss aller Akteur*innen in der Normung

In ihrem abschließenden Ausblick unterstrichen die drei Gastgeber Prof. Dr. Alexander Kurz, Vorstandsmitglied Innovation, Transfer und Verwertung, Fraunhofer-Gesellschaft, Florian Spiteller, Mitglied der Geschäftsführung, DKE, sowie Christoph Winterhalter, Vorstandsvorsitzender, DIN, die Bedeutung von Normung als strategisches Element von Forschung und Entwicklung. Essenziell sei ein frühzeitiges Verzahnen von Forschungsprojekten mit der Normung sowie die Schaffung von Interdependenzen auf allen Ebenen des Technologietransfers. „Normung kann als wichtiger Realitätscheck fungieren, denn nur die Technologien werden sich am Markt durchsetzen, die es auch im Standardisierungsprozess geschafft haben“, so Winterhalter

Spiteller riet dazu, dass Unternehmen innovative Lösungen und Normung von Anfang an zusammen denken sollten. Die Normungsarbeit selbst müsse sich gleichzeitig an den Schlagworten Effizienz, Transparenz, Konsens und Produktsicherheit messen lassen.

Prof. Dr. Kurz betonte die Bedeutung der Kooperation für technologische Souveränität. Wenn sich normgebende Institutionen, Forschungseinrichtungen und die Industrie zusammentäten, habe man im internationalen Wettbewerb die besten Karten. Dabei sei auch wichtig, den Dialog mit Politik und Gesellschaft zu fördern.

In diesem Sinne waren sich alle Teilnehmenden einig, über die Zusammenarbeit am Runden Tisch der Normung hinaus auch Diskussionsformate wie dieses künftig fortzuführen – zum Wohle des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts Deutschland.

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